Holstein Kiel: Schindler träumt von der Nationalmannschaft

Interview mit dem Störche-Newcomer

Kingsley Schindler, Offensivmann von Holstein Kiel.

Kingsley Schindler (vorne) war in dieser Saison bereits an 13 Holstein-Toren direkt beteiligt. ©Imago/Agentur54

Kingsley Schindler zählt zu den großen Entdeckungen der 3. Liga. Der 23-Jährige kam erst im Sommer zu Holstein Kiel, hatte nie zuvor ein Spiel in einer Profiliga bestritten. Heute ist er aus dem System von Trainer Markus Anfang nicht mehr wegzudenken. Samstag möchte der Rechtsaußen gegen Werder Bremen II (14 Uhr) den nächsten Dreier holen.

Im exklusiven Interview mit Liga-Drei.de erzählt Schindler, warum er in Kiel statt in Kaiserslautern gelandet ist, welche Erfahrungen er in Hoffenheim unter Markus Gisdol gesammelt hat und warum seine erste Berufung für die U 23 Nationalmannschaft von Ghana so schwierig verlief.

Herr Schindler, Sie haben sich von der Oberliga über die Regionalliga bis in die 3. Liga hoch gekämpft. Sind Sie ein Paradebeispiel dafür, dass man den Traum vom Profifußball niemals aufgeben darf?
Kingsley Schindler: Es war jedenfalls immer mein Traum, Profifußballer zu werden. Um genau zu sein, habe ich lediglich ein Spiel in der Oberliga für Concordia Hamburg gemacht. Ich war noch Jugendspieler, als ich dort zu den 1. Herren hochgezogen wurde. Dann bekam ich die Möglichkeit, zur U 19 von Hannover 96 zu gehen. Ich wurde zum Probetraining eingeladen, habe überzeugt und erhielt einen Vertrag über ein Jahr. Das war natürlich eine riesige Chance.“

Sie haben damals fast alle Spiele in der A-Junioren-Bundesliga absolviert. Warum ging es danach bei 96 nicht weiter?
Schindler: Das hing auch mit der Trainersituation zusammen. Andreas Bergmann war anfangs Trainer der 2. Mannschaft und hat mich in einigen Testspielen eingesetzt. Das war sehr vielversprechend. Dann wurde er plötzlich entlassen. Sein Nachfolger Valerien Ismael fand mich offenbar weniger gut. Somit war das Kapitel Hannover 96 beendet. Ich habe mir darüber kein Kopf gemacht. Ich dachte mir: Wenn ich es dort nicht packe, dann eben woanders.“

Sie sind zum Regionalligisten TSG Neustrelitz gegangen und ein Jahr später, im Sommer 2013, zur zweiten Mannschaft der TSG 1899 Hoffenheim. Wie kam der Kontakt zustande?
Schindler: Wir standen mit Neustrelitz im Finale um den Landespokal und haben gegen Hansa Rostock mit 3:0 gewonnen. Mein damaliger Berater Carsten Kühn hatte vorher den Kontakt nach Hoffenheim hergestellt. Bei dem Pokalfinale waren einige Scouts vor Ort. Zwei Tage später hatte ich mein erstes Training in Hoffenheim.“

In Hoffenheim war ich sehr nahe an der ersten Mannschaft. (über seine Zeit bei der TSG)

Sie haben drei Jahre für die zweite Mannschaft der TSG Hoffenheim gespielt. Wie nahe waren Sie an der ersten Mannschaft?
Schindler: Sehr nahe. Ich habe dort im Sommer 2013 unterschrieben und wurde bereits im Oktober zu den Profis hochgezogen, habe immer dort mittrainiert und parallel dazu bei der zweiten Mannschaft in der Regionalliga Spielpraxis gesammelt. Ich fühlte mich unter dem damaligen Trainer Markus Gisdol total involviert. Ich war im Trainingslager dabei und habe auch einige Testspiele gemacht.“

Markus Gisdol ist momentan als Trainer des Hamburger SV in aller Munde. Wie haben Sie ihn wahrgenommen?
Schindler: Er ist ein relativ ruhiger Trainer, der aber sehr viel Ahnung hat. Er hat mich sehr gefördert, hat auch viel mit mit gesprochen. Er ist ein guter Trainer mit viel Wissen.“   

Im Oktober 2015 wurde Gisdol entlassen. Wie lief es für Sie unter den Nachfolgern Huub Stevens und Julian Nagelsmann?
Schindler: Ich habe nach dem Weggang von Gisdol noch immer bei den Profis mittrainiert. Aber der Verein steckte plötzlich im Abstiegskampf. Stevens hat auf gestandene Spieler gesetzt. Mein persönlicher Fokus lag von diesem Zeitpunkt an eher auf der zweiten Mannschaft. Dort war ich Leistungsträger und teilweise auch Kapitän.“

Hätten Sie vielleicht den Sprung in die Bundesliga geschafft, wenn Markus Gisdol in Hoffenheim Trainer geblieben wäre?
Schindler: „Das hätte sein können, ja.“

Die Trainingsausstattung bei der TSG Hoffenheim gilt als ideal. Wie haben Sie das erlebt?
Schindler: „Das stimmt. Die Trainingsplätze, die medizinische Abteilung – alles war top. Dann hatten wir auch diesen Footbonaut.“

Wie bitte?
Schindler: „Das ist eine Halle, die an allen vier Seiten mit je einer Ballmaschine ausgestattet ist. Die Bälle kommen dann immer aus einem Loch herausgeschossen. Dem Spieler wird angezeigt, wohin er den Ball daraufhin schießen muss. So trainiert man seine Reaktion, Orientierung und Technik.“

Holstein Kiel hat richtig gute Bedingungen. (über die Trainingsmöglichkeiten)

So etwas haben Sie bei Holstein Kiel sicherlich nicht…
Schindler: „Natürlich lassen sich die Trainingsbedingungen von einem Bundesligisten und einem Drittligisten nicht miteinander vergleichen. Aber auch Holstein Kiel hat richtig gute Bedingungen. Ich fühle mich hier sehr wohl.“

Sie sollen im vergangenen Sommer auch Anfragen aus der 2. Bundesliga gehabt haben. Mit welchen Vereinen standen Sie im Kontakt?
Schindler: „Ich hatte Gespräche mit dem SV Sandhausen und dem 1. FC Kaiserslautern.“

Kaiserslautern klingt sehr reizvoll. Warum sind Sie dann nach Kiel gegangen?
Schindler: „Natürlich wäre das interessant gewesen. Das Problem war die Trainersituation. Als die Gespräche liefen, war Konrad Fünfstück noch Trainer in Kaiserslautern. Dann wurde er entlassen. Es war völlig unklar, wer der Nachfolger sein würde. Unter diesen Voraussetzungen machte es keinen Sinn, einen Vertrag zu unterschreiben. Ich bin dann zu Holstein Kiel gegangen, weil der Verein das Potential für die 2. Bundesliga hat und ich zudem nahe bei meiner Familie in Hamburg bin.“

Kaum waren Sie in Kiel, gab es auch dort einen Trainerwechsel. Welche Aspekte hat Trainer Markus Anfang eingebracht?
Schindler: „Unter Markus Anfang ging es für mich steil bergauf. Allgemein ist es so, dass wir seit dem Trainerwechsel mehr Wert auf die spielerischen Aspekte legen…“

… sich für den schönen Fußball aber häufig nicht belohnen…
Schindler: „Das ist in dieser Saison unser Hauptproblem, ja. Wir haben in vielen Spielen richtig gute Leistung gebracht und am Ende sprang wenig heraus.“

Welches war für Sie das schönste Spiel in dieser Saison?
Schindler: Sicherlich wird mir die Partie gegen Paderborn vom März in Erinnerung bleiben. Das war mein erster Doppelpack als Profi. Dann haben wir 2:1 gewonnen.“

Die A-Nationalmannschaft wäre mein Traum. (über die ghanaische Nationalelf)

Bei Transfermarkt.de sind Sie als U 23 Nationalspieler von Ghana aufgelistet, stehen allerdings noch ohne Einsatz da. Wie häufig standen Sie mit der U-Nationalmannschaft im Kontakt?
Schindler: „Ich wurde im Jahre 2015 zu einem Lehrgang eingeladen. Wir hatten damals zwei Partien gegen Uganda. Ich kam leider nicht zum Einsatz, weil ich große Probleme mit dem Klima hatte. Ich bin zehn Jahre nicht mehr dort gewesen. Das Wetter hat mich einfach umgehauen. Wir hatten etwa 38 Grad im Schatten und eine hohe Luftfeuchtigkeit. Aber ich bleibe optimistisch: Ich bin immerhin Profi in Deutschland. Und wenn ich noch ein paar Schritte nach oben mache, spiele ich irgendwann vielleicht für die A-Nationalmannschaft. Das wäre mein Traum.“   

Ihr Vorbild soll nicht etwa Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi sondern Abédi Ayew, besser bekannt als Abédi Pelé, sein.
Schindler: „Das stimmt. Er ist ein Nationalheld in Ghana. Ich fühle mich der Nationalmannschaft sehr verbunden. Als Deutschland bei der WM 2010 gegen Ghana gespielt hat, war ich jedenfalls für Ghana.“

Herr Schindler, vielen Dank für das Gespräch!

Gewinnt Kiel bei Werder II? Jetzt wetten!