Chapeau, Michael Köllner

Die besondere Leistung des 27. Spieltags

Autor: Luis Hagen Veröffentlicht: Dienstag, 10.03.2020 | 08:00

Michael Köllner von 1860 München

Michael Köllner legt Wert auf Klubs, die zu ihm passen. ©Imago images/Christoph Worsch

Die Löwen von der Grünwalder Straße, die in den vergangenen Jahren mehr Trainer verschlissen haben als sie sich über nennenswerte sportliche Erfolge freuen konnten, setzen seit vorigem November auf einen Fußball-Lehrer , der zwar nicht genetisch mit den Sechzigern verwachsen ist wie zuvor Daniel Bierofka, der dennoch allemal mit seinem hellen Verstand imstande ist, zu analysieren, zu begreifen und zu realisieren, worauf es bei einem Verein mit dieser Faszination ankommen sollte.

Als Michael Köllner im Juni 2019 in einem Gespräch mit Liga-Zwei.de um eine Erklärung gebeten wurde, nach welchen maßgeblichen Kriterien er sein neues Aktionsfeld auswählen werde, hat er dies damals so beschrieben: "Ich warte so lange, bis ich das Gefühl habe, dass alles zusammenpasst. Erst dann existiert eine Grundlage, um einen Verein über mehrere Jahre erfolgreich nach vorne bringen zu können.

Verschiedene Komponenten müssen zusammenpassen. Was passiert, wenn das geschieht, haben wir in Nürnberg gesehen. Dann kann etwas so Außergewöhnliches gelingen wie ein Aufstieg."

Wie beim Club so bei Sechzig?

Sechs Runden vor dem Ausklang der Hinspiel-Serie in der 3. Liga hat er also bei den Münchner Löwen offensichtlich die Komposition jener Vorzüge als Voraussetzungen erspürt, die ihn abermals so erfolgreich arbeiten lassen könnten, wie er es schon einmal realisieren konnte.

Dies war genau vor zwei Jahren, als er beim 1.FC Nürnberg mit einem ähnlichen stabilen Werdegang wie aktuell bei den Sechzigern mit seinem auf Offensivfußball getrimmten Team voller Selbstvertrauen den finalen Konkurrenzkampf in der 2. Bundesliga aufnehmen konnte. Und als Tabellenzweiter aufrücken konnte in das Paradies der Fernsehgelder, von denen der Club wohl auch heute noch profitiert.

Ja, ausgerechnet beim Club. Das klingt fabelhaft: Wie seine Sechziger aktuell trägt auch dieser Verein eine Tradition voller Gardemaß durch die Jahrzehnte. Beide holten schon ganz früh in der Bundesliga-Geschichte den Meistertitel in bayerische Metropolen: 1966 die Löwen, 1968 die Nürnberger. Zwei Meisterschaften, ein Trainer: Max Merkel.

Solidarität zählt mehr als jedes Wort

Vor zwei Jahren also ist Michael Köllner mit den Nürnbergern in das Fußball-Oberhaus aufgestiegen. Leider blieb dies eine Meisterleistung ohne Nachhaltigkeit. So verlor Köllner vor 13 Monaten dort seinen Job und dann im Mai der Verein seinen Platz in der Eliteliga. Nach nur einer Spielzeit. Weil sich Nürnbergs Sportchef Bornemann geweigert hatte, einer Trennung von Köllner zuzustimmen, musste auch der beim Club gehen. So viel Solidarität zählt mehr als jedes Wort.

Ja, dieser Michael Köllner lebt und pflegt eine bayerische Volkstümlichkeit, die auch in der Landeshauptstadt ihren Platz hat und nun - schon wenige Monate nach seinem Dienstantritt - dazu führt, dass die neue Allianz des Fußball-Lehrers mit diesem immer ebenso ambitionierten wie schwierigen Verein in jeder Hinsicht als gelungen bewertet wird.

Michael Köllner von 1860 München beim Training

Michael Köllner (im Vordergrund) nimmt sich viel Zeit zur Weiterentwicklung seiner Spieler. ©Imago images/Sven Simon

Als Köllner seine Arbeit für den entkräfteten Bierofka übernommen hat, rangierten die Löwen mit 17 Zählern auf dem 14. Platz. Jetzt, 13 Runden später, ist die Mannschaft mit ihrem aktuellen Trainer in den Kreis der Kandidaten für einen Aufstieg in die 2. Bundesliga vorgeprescht: Platz sechs mit 42 Punkten.

Meppen und Waldhof sind nach oben mitgegangen. Andere, wie der Hallesche FC, wie Magdeburg und Viktoria Köln, die vor Köllners Zeit besser standen, haben den umgekehrten Weg einschlagen müssen und sind nun unten hineingerutscht.

13 Spiele mit Köllner, 13 Spiele mit Ertrag

Seit Köllner bei den Löwen die Dressurarbeiten übernommen, hat es noch keinen so fehlerhaften Auftritt gegeben, dass dies zu einer Niederlage hätte führen können. 13 Spiele mit Köllner, 13 Spiele mit Ertrag – auf diese Bilanz darf Köllner Exklusivrechte im deutschen Profifußball anmelden. Nicht einmal Hansi Flick und die großen Bayern konnten ohne ein Null-Punkte-Match durch diesen Zeitraum gehen.

So datieren die letzten Niederlagen der Münchner noch aus der Zeit vor Michael Köllner: Aus dem vorigen Oktober in Rostock sowie daheim gegen Uerdingen. Lange ist dies her, Vieles hat Köllner inhaltlich verändern, verbessern und stabilisieren können: Strategisch, personell und eben ergebnisspezifisch. Das souveräne 3:0 in Jena ist nach dem 4:3-Spektakel über Chemnitz der erste Doppelpack für Köllner mit den Sechzigern und der weckt nun große Hoffnungen.

Gut vorbereitet auf finalen Kraftakt und Nervenkrieg

Michael Köllner scheint auf solche Stimmungshochs vorbereitet zu sein. Gut vorbereitet gar, denn vor zwei Jahren um diese Zeit ist beim 1.FC Nürnberg schließlich Ähnliches geschehen. Der Aufstiegskampf damals war ebenfalls eine finaler Kraftakt und Nervenkrieg. Und Köllner war der Mann, der stets kühlen Kopf bewahren und seinem Team mit gutem Beispiel vorangehen konnte.

Zweifellos ist Michael Köllner ein ungewöhnlicher Fußball-Lehrer. Die Löwen sind bereits seine 15. Station als Trainer. Er ist die Tour über die Fußballdörfer gegangen, ist dann über Bayern Hof ins Blickfeld größerer bayerischer Vereine aufgerückt und hat im Bayerischen Fußballverband, beim DFB sowie bei Jahn Regensburg, in Fürth und am Valznerweiher beim Club viele Jahre in der Ausbildungsarbeit seinen Weg gefunden.

Bis dort die große Chance kam: Als Alois Schwartz keine Lösungen mehr zu haben schien, hat Köllner hausintern ein Konzept vorgelegt, mit dem er zunächst vor allem Andreas Bornemann überzeugen konnte.

"Dein Weg zum Fußballprofi - Ein Ratgeber für junge Talente, Eltern und Trainer", heißt die bedeutendste Buchpublikation aus dem Gedankengut Michael Köllners. Weitere Taktik-Handbücher tun ihr übriges.

Ja, Michael Köllner ist ein Intellektueller unter den aktuellen Fußball-Lehrern hierzulande, der von seinen Spielern die Anteilnahme ihres Verstandes gleichermaßen einzufordern pflegt wie den Einsatz ihrer Körperlichkeit. So gilt Köllner als Spielerentwickler auch deshalb, weil er stets zu zeigen bereit ist, für die Anliegen seiner Spieler Verständnis aufbringen zu wollen.

Mit bayerischer Mundart auf der Fußball-Bühne

Köllner ist einen Weg gegangen, der steinig gewesen ist. Sein Abitur zu bestehen, gelang ihm in einem Klosterinternat. Schlafen, Essen, Lernen – alles unter einem Dach und ohne Rückzugsmöglichkeiten. Kein Zuckerschlecken sei dies gewesen, hat er einmal beschrieben. Doch seine Verbundenheit zur Kirche, der Katholischen selbstverständlich, lässt er nicht abreißen.

Sogar, wenn es um sein aktuellen Tätigkeitfeld als Fußball-Lehrer geht: Um im Abstiegskampf beim Club die Sinne der Spieler zu schärfen, lud er einen Geistlichen einmal zu Gruppengesprächen ein.

Köllner, der die bayerische Mundart pflegt wie andere in der Öffentlichkeit stehende Menschen allenfalls auf den Bühnen des Kabaretts, hat seine Pressekonferenzen beim 1.FC Nürnberg in eine Art des Kultstatus steuern können. Sie galten inhaltlich als höchst kompetent, außerordentlich unterhaltsam und dauerten häufig beinahe eine Stunde.

Schade eigentlich, dass er bei den Löwen in dieser Angelegenheit noch recht zurückhaltend agiert. Anderseits lässt er stattdessen lieber die Taten seiner Spieler sprechen. Und so lässt er sie vor allem mit Volldampf stürmen. Damit die Stimmung so gut bleibt wie sie jetzt ist an der Grünwalder Straße.

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