Chapeau, Patrick Pflücke

Die besondere Leistung des 16. Spieltags

Patrick Pflücke im KFC-Dress.

Patrick Pflücke spielte beim Sieg über Würzburg groß auf. ©imago images/Revierfoto

Den langen Weg in den schrulligen Kabinentrakt des betagten Würzburger Fußballstadions ließ sich Uerdingens allgewaltiger Wortführer, Mikhail Ponomarev, auch diesmal nicht nehmen. Gelegentlich bekommen die Uerdinger Kicker direkt nach dem Spiel den Groll ihres Arbeitgebers zu spüren.

Doch hier im fernen Würzburg, wo sein fußballspielendes Personal soeben endlich wieder einmal ein Match gewinnen konnte, schimmerte gar ein Hauch von Stolz und Freude durch das Pokerface des allgewaltigen Prinzipals.

In den Mittelpunkt dieses Uerdinger Freudenfestes ist im fernen Würzburg ein Spieler aufgestiegen, der bislang – zumeist als Teilzeitkraft eingesetzt – ein eher unbeachtetes Fußballschicksal fristete: Patrick Pflücke, 22 Jahre, 107 Einsätze in der 3. Liga, auf den ersten, zweiten und dritten Blick ein Fußballzwilling des Hachinger Drahtziehers Bigalke.

Pfiffig, pfeilschnell und technisch versiert

Hier in Würzburg hat sich Pflücke von Spielminute zu Spielminute in eine Rolle hineingespielt, die ihn zunehmend zum Hauptdarsteller des Matches und so zum Gestalter des Uerdinger Sieges aufsteigen ließ: Immer anspielbereit, stets den Ball behauptend, jedes Mal eine spielerische Lösung findend und den spielentscheidenden zweiten Uerdinger Treffer am rechten Flügel pfiffig, pfeilschnell und technisch versiert vorbereitend.

Patrick Pflücke spielte so gut, dass an diesem Tag in Würzburg Erinnerungen wach geworden sind. Denn es existieren Aufzeichnungen, dass dieser Bursche einst als „Dynamo Dresdens größtes Talent aller Zeiten“ Schlagzeilen machte und mit euphorischen Karriereprognosen in den großen Fußball hineingesteuert worden ist: Zunächst zu Mainz 05, dann zu Borussia Dortmund und nun ist er seit anderthalb Jahren beim hochambitionierten und von Ponomarevs Millionen getragenen KFC Uerdingen aktiv.

Lieblingsschüler Pflücke

Dort hat Pflücke in 18 Monaten mehr Trainer erlebt als die meisten Spieler in ihrer gesamten Karriere. Doch die aktuelle Konstellation scheint ihm endlich gut zu tun. Auch Reisingers unübersehbarer Dank an Pflücke bereits unten auf dem Spielfeld wirkte besonders herzlich und intensiv. Das ist aufbauend für einen wie Pflücke.

Patrick auszubilden, war ein Vergnügen. (Matthias Schulz)

Ähnlich wohltuend und achtsam empfindet Pflücke seine Ausbildung vor allem daheim in Dresden. Matthias Schulz, einst beim Chemnitzer FC Cheftrainer im drittklassigen Ligafußball, war bei Dynamo seine wichtigste Bezugsperson. Und so erinnert er sich gern an seinen Lieblingsschüler: „Patrick verkörperte immer pure Spielfreude. Mit ihm zu trainieren, ihn auszubilden, ihn zu stabilisieren, ist für einen Fußball-Lehrer ein großes Vergnügen“, berichtet Schulz mit einer Begeisterung, als sei dies alles erst vor kurzem geschehen.

Matthias Schulz.

Zahlreiche Talente bildete Matthias Schulz in achteinhalb Jahren im Dynamo-Nachwuchs aus. ©imago images/photoarena/Eisenhuth

So muss Schulz auch nicht lange nachdenken bei der Rückschau auf die Überlegungen rund um Patrick Pflücke damals in Dresden. Als der quirlige, linksbeinige Blondschopf obendrein auch im Trikot der DFB-Auswahlteams überzeugen und so mit seinen Auftritten voller Spielwitz in die Blickfelder des großen Fußballs aufsteigen konnte, stürzten vielerlei Aufmerksamkeiten auf Pflücke herein.

Der Verbleib in Dresden hatte keine Chance mehr. (Matthias Schulz über Pflückes Entwicklung)

„Es gab tatsächlich sogar die Möglichkeit nach Barcelona zu gehen, nach England ebenfalls und mehrere Bundesligaklubs wollten ihn weiterentwickeln“, berichtet Schulz weiter und macht damit deutlich, wie überfordert Patrick, dieser „ganz liebe Junge“, und sein Elternhaus mit alledem gewesen sein müssen.

„Das Werben um Patrick war so spektakulär, dass uns schnell klar wurde: Die eigentlich sportlich beste Lösung, der Verbleib in Dresden, hatte keine Chance mehr“, erinnert sich Schulz weiter. So habe sich dann herausgestellt, dass Mainz 05 „die zweitbeste aller möglichen Lösungen“ gewesen sei. „Denn“, so Schulz weiter: „die Mainzer haben einfach an alles gedacht.“

Ribery düpiert

Denn der kleine Patrick Pflücke war zwar ein vielversprechendes Fußballtalent, doch an dessen Reife für ein freudvolles Leben fernab des Elternhauses glaubte zu diesem Zeitpunkt niemand. Mainz 05 hatte die Lösung parat, nicht nur Patrick, sondern die komplette Familie an den Rhein zu holen: Der Vater erhielt einen Job als Greenkeeper, die Mutter eine Beschäftigung im Fanshop und die fußballspielenden Geschwister wurden ebenfalls integriert.

Patrick Pflücke entwickelte sich vielversprechend: Junioren-Bundesliga mit U17 und U19 , 3. Liga mit der U23 und einmal – ausgerechnet gegen die Bayern – war gar Dreamtime in der Bundesliga für Pflücke.

Als er es mit Ribery aufnahm und den gar düpierte, geschah genau das, was so häufig passiert: Die Karriere knickt nach solchen Highlights, weil der Himmelstürmer nach solchen beschwingten Ereignissen glaubt, es nun geschafft zu haben. Die Folgen sind fatal: Spiele im B-Team sind plötzlich mehr Fron statt Freude, die Leistungen fallen ab, das Vertrauen sinkt, Visionen kippen.

Ein echter Dresdner Junge täte allen gut (Matthias Schulz)

Borussia Dortmund hat das Projekt Pflücke zwar übernommen, doch hier stellte sich nicht zum ersten Male heraus, dass die Regionalliga nicht das ideale Sprungbrett für die Bundesliga darstellt. So brauchte Pflücke wie in Mainz die 3. Liga für den Neuanlauf. Wohl kaum ein anderes Mitglied dieser Spielklasse konnte diesen Transfer finanzieren und somit realisieren als der KFC Uerdingen.

Keine Luftschlösser mehr

Als Liga-Drei.de den Pflücke-Ausbilder Matthias Schulz vom starken Spiel seines Günstlings berichtet wird deutlich, wie glücklich der diese Informationen aufnimmt. Denn immer noch ruht so ein stiller Traum in ihm: „Eine Rückkehr zu Dynamo – das wäre eine großartige, eine starke Botschaft an das Dresdner Fußballpublikum. Ein echter Dresdner Junge täte allen gut“, sagt Schulz.

Der kann das inzwischen so freigeistig verkünden, weil er heute nicht mehr als Ausbilder bei Dynamo sondern als Sportlehrer am Dresdner Sportgymnasium tätig ist. Und hat dort viel Freude: „An jungen Kerlen voller Potenziale für eine Karriere im Profifußball. Sogar aus Berlin kommen sie inzwischen zu Dynamo.“

Patrick Pflücke wird in wenigen Tagen 23 Jahre alt. Dieser großartige Auftritt in Würzburg wird ihn nun freilich nicht mehr dazu verführen können, abermals voreilig Luftschlösser zu bauen…

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