VfR Aalen: Interview mit Trainer Peter Vollmann

Wir gehen ins Risiko

Peter Vollmann vom VfR Aalen

Das Jubiläum rückt näher. Aalen-Trainer Peter Vollmann steht vor seiner 200. Drittliga-Partie. ©Imago

Die Insolvenz ist überstanden, die Saisonvorbereitung hat begonnen. Trainer Peter Vollmann geht mit dem VfR Aalen in seine dritte Saison. Im exklusiven Interview mit Liga-Drei.de verrät der 59-Jährige, welch hohes Risiko sein Verein eingeht, warum die 3. Liga unter-vermarktet ist und inwiefern Politiker einen schlechten Einfluss auf den Fußball haben.

Herr Vollmann, wären dem VfR Aalen in der vergangenen Saison aufgrund der Insolvenz nicht neun Punkte abgezogen worden, hätten Sie lange um den Aufstieg mitgespielt. Ist das nun die Zielsetzung für die bevorstehende Spielzeit?
Peter Vollmann: „Nein. Wir sind zwar aus der Insolvenz raus, haben aber den gleichen Etat wie in der vergangenen Saison – und der zählt zu den geringsten der 3. Liga. Uns stehen nur 18 Feldspieler und drei Torhüter zur Verfügung. Mit diesen Rahmenbedingungen geht es zunächst darum, die 45 Punkte zu holen und sich den Klassenerhalt zu sichern.“

Wir können im Training nicht 11 gegen 11 spielen. (über die Rahmenbedingungen)

Die Kaderplanung gilt als abgeschlossen. Jetzt einmal ehrlich: Ist es kein Risiko, mit nur 18 Feldspielern in eine Saison zu gehen?
Vollmann: „Doch, wir gehen ins Risiko und sind uns dessen bewusst. Letzte Saison hatten wir glücklicherweise wenig Verletzungen. Ich hoffe, das bleibt so.“

Und wenn nicht? Der VfR Aalen hat keine zweite Mannschaft. Die A-Junioren spielen lediglich in der Oberliga. Sie haben also keine Ansammlung von Talenten, die Sie notfalls hineinwerfen können.
Vollmann: „Das Wichtigste ist, uns bestmöglich vor Verletzungen zu schützen. Dazu benötigen wir eine gute Fitness. Wenn uns der Verletzungs-Teufel heimsucht, müssen wir eben zusehen, dass wir mit unseren 18 Feldspielern irgendwie auskommen. Das ist nicht komplett neu für uns:

Auch letzte Saison hatten wir eine Phase, in der wir mit nur 14 Feldspielern losgefahren sind. Und notfalls müssen wir eben doch noch jemanden aus der U 19 hochziehen. In Antonios Papadopoulos haben wir auch jetzt schon jemanden aus der A-Jugend dabei.“

Sie haben eben die Insolvenz angesprochen, die der VfR Aalen im Februar anmelden musste und die nun überstanden ist. Wie schwierig war es damals für alle Beteiligten, den Fokus auf den Sport zu halten?
Vollmann: „Natürlich war das schwierig. Grundsätzlich aber muss man bei einem kleinen Verein wie dem VfR Aalen dazu bereit sein, suboptimale Rahmenbedingungen anzunehmen. Das ist auch jetzt noch so, ob nun auf dem Transfermarkt oder im täglichen Trainingsbetrieb.

Ein Beispiel: Wenn man nur 18 Feldspieler hat, können wir im Training nicht elf gegen elf spielen. Zudem müssen Spieler im Training auf ungewohnten Positionen aushelfen.“

Stand jetzt können wir uns keinen Co-Trainer leisten (über fehlende Unterstützung)

Wie kommen Neuzugänge mit diesen Bedingungen zurecht?
Vollmann: „Gut. Schließlich verheimlichen wir das im Vorfeld niemanden. Wir sagen jedem Neuzugang, was ihn bei uns erwartet. Es ist unser aller Aufgabe, das Beste aus der Situation zu machen. Lamentieren hilft niemandem.“

Peter Vollmann auf dem Trainingsplatz des VfR Aalen

Selbst ist der (Voll)mann. Mangels Co-Trainer übernimmt der VfR-Trainer viele Aufgaben in Aalen. ©Imago/Eibner

Sie haben momentan keinen Co-Trainer. Soll noch ein Assistent hinzukommen?
Vollmann: „Das wäre natürlich mein Wunsch. Der Verein versucht auch, dies in die Wege zu leiten. Klar ist aber auch, dass wir unsere wirtschaftlichen Möglichkeiten erst einmal in den Kader stecken mussten. Stand jetzt können wir uns keinen Co-Trainer leisten.“

Inwiefern erschwert das Ihre tägliche Trainingsarbeit? Sie haben sicherlich nicht die Möglichkeit, aus der Ferne das Treiben zu beobachten, da Sie immer involviert sind, oder?
Vollmann: „Das ist richtig. Zudem besteht die Gefahr, dass der Verschleiß, ob nun bei der Ansprache oder anderen Aspekten, schneller vonstatten gehen könnte. Ein Co-Trainer könnte andere Impulse einbringen. Allgemein ist der Aufwand für alle Beteiligten sehr groß, weil sich die Arbeit auf wenige Schultern verteilt.

Können Sie ein Beispiel bringen?
Vollmann: „Nehmen wir die Videoanalyse: Andere Vereine haben einen Spezialisten dafür. Hier mache ich das als Cheftrainer selber. Mein Athletiktrainer und ich sind zwar von morgens um acht Uhr bis abends um sieben Uhr auf dem Trainingsgelände. Dennoch bleiben manche Aufgaben unbearbeitet.“

Wäre schön, wenn mehr Geld von öffentlichen Medien kommen würde. (über die Wirtschaftlichkeit der 3.Liga)

Das erste Saisonspiel wird gleichzeitig Ihre 200 Drittliga-Partie als Trainer sein. Die 3. Liga geht zudem in ihre 10. Spielzeit. Wie beurteilen Sie die Entwicklung dieser Spielklasse?
Vollmann: „Die 3. Liga hat ein gutes Format. Die Live-Spiele in den dritten Programmen und die Spielausschnitte in der ARD-Sportschau haben eine gute Akzeptanz. Nun kommt die Telekom-Vermarktung hinzu. Ich hoffe, auch die wird sich positiv auswirken. Nur eines fehlt der 3. Liga….“

Und das wäre?
Vollmann: „Geld. Nehmen wir die Absteiger Karlsruher SC und Würzburger Kickers: Die bekommen 500.000 Euro zusätzlich zu den 750.000 Euro, die alle anderen Vereine an Fernsehgeldern bekommen. Dadurch sind diese Vereine gleich besser aufgestellt als wir zum Beispiel.

Allgemein finde ich, dass die 3. Liga angesichts der hohen Medienpräsenz unter-vermarktet ist. Der Abstand zwischen der 2. Liga und der 3. Liga ist einfach zu groß.“

Was wäre Ihr Lösungsvorschlag?
Vollmann: „Die individuelle Vermarktung ist für Drittligisten sehr schwierig. Nehmen wir unseren Verein: Aalen ist keine Weltstadt. Unsere Vermarktungsmöglichkeiten sind dadurch begrenzt.

Es wäre schön, wenn mehr Geld von den öffentlichen Medien kommen würde. Zumal diese ja aus anderen Wettbewerben wie der Champions League ausgestiegen sind. Genügend Geld wäre also vorhanden. Es fehlt jedoch die Bereitschaft, in die 3. Liga zu investieren.“

Es geht nur noch um Ergebnisse. (über mangelnde Wertschätzung des Trainer-Berufs)

Themawechsel: In der Bundesliga scheint bei den Trainern ein Jugend-Wahn zu herrschen. Fünf Bundesliga-Trainer sind jünger als 40 Jahre. Wird Erfahrung zu wenig geschätzt?
Vollmann: „Wir erleben momentan eine Tendenz zu jungen Trainer, die ich aber nicht schlimm finde. In der Wirtschaft ist es nicht anders. Auch dort übernehmen junge Menschen bereits Funktionen im Management.

Vielleicht ist Erfahrung auch gar nicht so wichtig wie lange angenommen wurde. Mittelfristig denke ich, wird sich der Trainermarkt ohnehin wieder regulieren. Auch im Ausland gibt es weiterhin eine gute Balance zwischen jungen und älteren Trainern.“

Sie könnten auch böse sein, weil junge Trainer erfahrenen Leuten wie Ihnen die Jobs in der Bundesliga oder 2. Bundesliga wegnehmen.
Vollmann: „Nein. Ich bin immer dankbar, wenn ich in einer der ersten vier Ligen Trainer sein darf. Für mich ist das weiterhin ein Privileg.“

Sie sind seit knapp 25 Jahren Trainer. Hat die Tendenz, Trainer bei Misserfolg schnell zu entlassen, seitdem zugenommen?
Vollmann: „Jeder Verein redet heutzutage von Kontinuität, doch kaum einer hält sie ein. Das hängt sicherlich auch mit den Veränderungen der Medienwelt zusammen. In den öffentlichen Netzwerken wird eine ungeheuerlich schlechte Stimmung gegen Menschen gemacht, die keinen Erfolg haben.

Es geht nur noch um Ergebnisse. Die eigentliche Leistung, die ein Trainer Tag für Tag erbringt, wird längst nicht mehr honoriert.“

Die Verantwortlichen der Vereine könnten dennoch Ihren Trainern den Rücken stärken, wenn Sie zuvor noch von einer dauerhaften Lösung gesprochen haben.
Vollmann: „Natürlich. Aber was gestern gesagt wurde, zählt nicht mehr. Und ganz ehrlich: Wenn jemand das Lügen in den Status der Normalität gelegt hat, sind das die Politiker. Andere Menschen sind diesem Beispiel gefolgt – leider ist das auf der Ebene des Fußballs auch keine Seltenheit mehr.“

Vielen Dank für das Interview, Herr Vollmann.

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