Joachim Streich: „Wir müssen wieder Wucht entwickeln“

Der Gerd Müller des Ostens über das Duell FCM gegen FCH

Joachim Streich bei der Auszeichnung 1979.

Zwei Mal wurde Joachim Streich als DDR-Fußballer des Jahres ausgezeichnet. ©imago images/Camera 4

Wenn die A2 auf Höhe Magdeburg verstopft ist – und dies ist sie an dieser Stelle zumeist – dann wird es eng im schönen Möckern. Das Städtchen liegt an der Bundesstraße 242, somit mitten in der Umleitung. Eine gepflegte Ortschaft: Ein Schloss, eine Kirche, eine Stadtmauer, viel Jugendstil. Die CDU regiert dort immer noch stabil. Immerhin über rund 15000 Einwohner.

Der Berühmteste: Joachim Streich. Einer der ganz großen Könner des Fußball-Ostens lebt dort. Damals war er mit 98 Länderspielen und 53 Toren für die DDR, 237 Einsätzen und 171 Treffern für den 1. FC Magdeburg sowie 141 Auftritten mit 58 Torerfolgen für Hansa Rostock einer wie Gerd Müller.

Überzeugter Magdeburger

Heute ist Streich 68 Jahre alt, seit dem Aufstieg in die 3. Liga bei jedem Heimspiel seines 1.FC Magdeburg im Stadion und mit Ehefrau Marita glücklich in Möckern. Mit natürlichem Schutz vor dem Verkehrsaufkommen. „Wir leben direkt am Wald und kommen noch gut davon“, erklärt Streich die Lage sachlich.

Sehr häufig ist der Liga-Drei.de-Autor dieser Zeilen schon durch Möckern getuckert, ohne zu ahnen, dass hier der große Joachim Streich leben würde. Und so gestehen wir diesem Idol des Fußballsports, dass wir ihn, den Jungen von der Ostseeküste, im Herbst seines Lebens eigentlich im vielleicht noch schöneren Warnemünde vermutet hätten.

„Nein, die zehn Jahre als Spieler und im Anschluss die Zeit als Trainer haben mich zu einem überzeugten Magdeburger reifen lassen“, stellt Streich klar. So sind die Streichs in der Region geblieben und haben in den 90er Jahren dieses heimelige Möckern entdeckt.

Nichts mehr erinnert im Hier und Jetzt daran, dass Streich einst widerwillig nach Magdeburg delegiert worden war. Ja, Streich der fintenreiche Torjäger, wollte seine besten Jahre als Fußballer dort verbringen, wo es um Titel ging, wo Auftritte im Europacup möglich waren. Mit Hansa Rostock war dies nicht realisierbar.

Hans Meyer kämpfte vergeblich um ihn

So wollte Streich gern nach Jena. Dort trainierte Hans Meyer und hatte eine gute Mannschaft, die um die Meisterschaft spielte. „Der hat um mich gekämpft wie ein Löwe“, erinnert sich Streich an mehrere heimliche Treffen. Doch nichts zu machen. Die Sportfunktionäre der DDR entschieden anders und diesen Befehl gab es sogar schriftlich: Streich muss nach Magdeburg! „Solche Entscheidungen waren alternativlos, niemals diskutabel“, erinnert sich Streich.

Was damals eine Zeitlang Unbehagen auslöste, entwickelte sich recht zügig zum Glücksgriff. Streich wurde im blauen Trikot des 1. FC Magdeburg in steter Regelmäßigkeit Torschützenkönig, Fußballer des Jahres, unverzichtbar für die DDR-Auswahl. Und internationale Anerkennung gab es obendrauf.

Dieser Streich ist ein Phänomen, für mich der eigentliche Fußballer Europas. (die Fachzeitschrift World Soccer)

Als Streich schon 31 war, beschrieb die britische Fachzeitschrift World Soccer ihn einmal so: „Dieser Streich ist ein Phänomen, für mich der eigentliche Fußballer Europas. Seit mehr als einem Dutzend Jahre behauptet er sich gegen härteste Konkurrenz, schießt trotz Sonderbewachung seine Tore, ist weiter erfolgreich, obwohl das Spiel immer schneller, die Räume immer enger werden.“

Joachim Streich (r.) in der Nationalmannschaft der DDR.

Auch im Nationaldress funktionierte der Torriecher von Joachim Streich (r.) tadellos. ©imago images/Werner Schulze

Jetzt aber freut sich Streich auf den kommenden Samstag, auf das Kräftemessen seiner ehemaligen Arbeitgeber. Wir wollten Streich fragen, welcher der beiden Klubs ihm heute näher steht und schenken uns die Frage nach nur wenigen Minuten des Zuhörens.

Denn Joachim Streich legt los und beschreibt die Lage des FCM so: „Wir müssen unsere Heimschwäche beseitigen. Wir haben zu wenige Siege. Wir spielen zu häufig unentschieden. Wir müssen wieder Wucht entwickeln. Wir müssen schneller den Torabschluss finden.“ Kein Zweifel: Streich sagt „wir“ und meint jedes Mal den 1. FC Magdeburg.

Jens Härtel macht daraus ein besonderes Spiel. (über das Duell FCM gegen FCH am Samstag)

Der NDR, der das Match live überträgt, hat seine Expertise für Samstag gebucht. Der NDR begleitet Hansa, also muss sich Streich auf die Rostocker einstimmen. „Jens Härtel macht daraus ein besonderes Spiel“, sagt er und meint die Rückkehr jenes Mannes, der den Fußball in Magdeburg wieder ins Rampenlicht rückte und so auch Streich wieder ins Stadion lockte.

Härtels Hinterlassenschaften stehen im Geschichtsbuch des Vereins: Aufstieg in die 3. Liga 2015, Aufstieg in die 2. Bundesliga 2018. Dass es sofort wieder runter ging in diesem Frühjahr, steht mit dem Namen Härtel nicht in Verbindung. Schon vor der Halbzeit der vorigen Spielzeit ist er ausgetauscht worden. Und Härtel bringt nun auch Nils Butzen mit, der war sein Kapitän in Magdeburg.

Kein FCM-Heimspiel ohne Streich

Joachim Streich kennt Jens Härtel bestens. Als Streich Mitte der 90er Jahre den FSV Zwickau in der 2. Bundesliga trainierte, war Härtel der Chef in seiner Verteidigung. „Jens kann nicht verlieren. Will immer gewinnen“, sagt Streich und spekuliert sogleich über mögliche Folgen für den weiteren Verlauf bis zur Winterpause: „Wer gewinnt, rückt auf. Bleibt oben dran. Wer verliert, rutscht ab. Wird lange brauchen, um wieder mitzumischen“, erklärt Streich seine Hochrechnungen vor den nächsten schweren Aufgaben: Erst bei Viktoria Köln, dann gegen Halle. Das ewig hitzige Sachsen-Anhalt-Derby.

Streich betont an dieser Stelle nochmals, dass er seit dem Aufstieg in die 3. Liga im Frühsommer 2015 kein Heimspiel des 1.FC Magdeburg verpasst hat. Und so glaubt er ein besonderes Gespür für die aktuelle Lage entwickelt zu haben und sagt: „Ich weiß nicht, ob wir so steigerungsfähig sind, um oben richtig anzugreifen.“

Streich macht dies fest daran, dass Bertram, den er ausdrücklich lobt, „zumeist auf sich allein gestellt“ sei. Und: Dass Beck, seit Jahren verlässlichster Torschütze der Magdeburger Kicker, „aktuell nicht gut eingebunden ist in unser Offensivspiel.“

Ich war der Erste aus dem Osten, der im Westen Trainer wurde (Joachim Streich)

Über den neuen Trainer, über Stefan Krämer, will sich Streich nicht äußern. Nicht, weil er an ihm zweifelt. Nein, allein deshalb, weil er sich kein Urteil erlauben mag. „Die Arbeit des Trainers findet auf dem Trainingsplatz statt. Doch dort bin ich niemals anwesend. Also kann ich mir keine Einschätzung erlauben, ob er das mehr oder weniger gut macht“, sagt Streich. Wohl wissend, dass „jeder Trainer allein an Ergebnissen gemessen wird.“

Joachim Streich im Stadion.

Spieler, Trainer und jetzt Stadionbesucher: Joachim Streich hält Magdeburg die Treue. ©imago images/Jan Huebner

Hat Streich schließlich am eigenen Leib zu spüren bekommen. Ziemlich schnell nach dem Wegfall der Grenzen holte ihn Eintracht Braunschweig die wenigen Kilometer westwärts, um das Team am liebsten wieder in die 1. Bundesliga steuern zu lassen. „Ich war der Erste aus dem Osten, der im Westen Trainer wurde“, sagt Streich. Die Aufgabe war sportlich unlösbar. Nach zehn Monaten war Schluss. Wie gesagt: Weil jeder Trainer allein an den Ergebnissen gemessen werde.

Dank Streich auf Bundesligakurs

Mit dabei in Braunschweig war auch Dirk Schuster. Streich hatte ihn mitgenommen aus Magdeburg. In Braunschweig ging die Karriere dann erst richtig los für den bissigen Verteidiger. Über Karlsruhe und Köln bis in die Nationalmannschaft. Berti Vogts, damals Bundestrainer, muss sich wohl ein Stückweit wiedererkannt haben.

Sowohl zuvor als auch nach dem Abenteuer Braunschweig trimmte Streich in Magdeburg fast ein Dutzend hochbegabte Fußballer auf Bundesligakurs. Darunter Dirk Heyne, den langen Keeper, der in Gladbach Karriere machte, sowie Uwe Rösler, der danach in Kaiserslautern Deutscher Meister und gar in England ein Fußballheld wurde und so Weltkarriere machte.

Doch die Trainerkarriere des Joachim Streich blieb kurz und ohne sportliche Höhepunkte. Streich erkannte, dass diese komplexe Bühne nicht auf Dauer sein Aktionsfeld sein könne. Selbstbestimmt zog Joachim Streich die Konsequenzen und stieg einfach aus. Sein Rückzug zur rechten Zeit bewahrte ihm die Liebe zum Fußball.

Ach, übrigens: Joachim Streich tippt auf einen 2:1-Sieg seiner Magdeburger…

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