Oliver Zapel: VFL – Vertrauen, Fortschritt, Leistung

Darum läuft's in Osnabrück

Im zweiten Jahr in Osnabrück startete Daniel Thioune mit dem VFL richtig durch.

Bekam in Osnabrück eine zweite Chance und nutzte sie eindrucksvoll: Daniel Thioune. ©Imago/Osnapix

Geht man dieser Tage als Spieler oder Trainer des VfL durch die beschauliche Osnabrücker Altstadt, so kann man sich vieler freundlich grüßender Passanten sicher sein. Passend zum traumhaften goldenen Herbstwetter ist die Stimmungslage sonnig. Elf Spiele, 22 Punkte. Spitzenreiter! Fühlt sich gut an.

Schon irre, was im Fußball alles möglich ist. Denn vor gar nicht allzu langer Zeit sah die Welt an der Bremer Brücke noch ganz anders aus. Als nämlich am 12. Mai 2018 nach einer schlimmen 1:4-Klatsche in Unterhaching der Abpfiff ertönte, endete für den VfL Osnabrück ein Jahr des Grauens.

Tristesse in lila und weiß

Mit Ach und Krach schrammte man an der Vollkatastrophe vorbei und rettete sich auf den ersten Nicht-Abstiegsplatz. Die letzten zwölf Spieltage konnte kein Dreier eingefahren werden. Und mit 37 Punkten (die in der Vergangenheit immer einen Abstieg bedeuteten) wurde das schlechteste Ergebnis der Vereinsgeschichte in Liga 3 eingefahren.

Es herrschte allgemeine lila-weiße Tristesse. Viele treue Anhänger des stolzen Traditionsvereins wendeten sich ab. Aus allen Ecken der fußballverrückten Stadt knallte den Vereinsverantwortlichen massive Kritik um die Ohren. Schlimmer ging’s nimmer!

Umso bemerkenswerter, dass in diesen stürmischen Zeiten trotz düsterer Zukunftsprognosen die richtigen Entscheidungen getroffen wurden. Nicht jeder hätte die massive Kritik als Motivation empfunden und kühlen Kopf bewahrt.

Mut und Weisheit werden belohnt

Von im Nachhinein elementarer Bedeutung war dabei der Entschluss, den Trainer nicht – wie von vielen gefordert und erwartet – von seinen Aufgaben zu entbinden. Danny Thioune, der im Oktober 2017 die Nachfolge von Vereinsikone Joe Enochs angetreten und mit lediglich sechs Siegen in 29 Spielen eine mehr als kritische Bilanz vorzuweisen hatte, sollte eine zweite Chance erhalten.

Sportdirektor Benjamin Schmedes hielt nach konstruktiven Analysegesprächen an ihm fest. Ungewöhnlich in Zeiten wie diesen. Mutig, aber wirklich weise. Denn Thioune und sein Trainerteam bilden nach Drücken des Reset-Knopfes seit Beginn der Saison mit der Mannschaft eine fruchtbare Symbiose und zahlen das Vertrauen zurück.

Generell muss man aber ebenso den Hut vor dem neuen Strippenzieher Schmedes ziehen. Es scheint fast so, als wäre er nach ein paar Monaten stiller Einarbeitungszeit bei der diesjährigen Kaderplanung förmlich explodiert. Auf Basis einer knallharten Detailanalyse scheute er sich nicht, mit scharfem Skalpell alte Zöpfe abzuschneiden.

Die Mischung macht’s

Das Team war in die Jahre gekommen und nicht mehr (handlungs-)schnell genug. Zumindest nicht für die laufintensive Tempofußballidee von Thioune, die er mit seinen Jungs im Nachwuchs exerzierte und die nun das Osnabrücker Publikum von den Sitzen reißen sollte. Die etablierte Achse Gersbeck, Appiah, Groß und Reimerink quietschte. Also wurde sie ersetzt. Und wie!

Isoliert betrachtet konnte der neutrale Beobachter bei Bekanntgabe der Neuverpflichtungen den Eindruck gewinnen: Ja, ganz nett! Sind zwar individuell jetzt nicht die fetten Burner. Aber auch keine Holzfüße.

Wie sich dann jedoch herausstellte, war es ein sehr smarter Schachzug, auf einen Mix aus hungriger, mittelalter Drittliga-Routine (Trapp, Pulido, Taffertshofer, Blacha, Riemann, Schiller, Kühn) gepaart mit jugendlicher Frische und Unbekümmertheit (Ouahim, Körber, Amenyido, Pfeiffer) sowie Talenten mit Stallgeruch (Agu, Möller, Haubrock) zu setzen. Denn kumuliert passen (Stand jetzt…) alle Neuzugänge optimal zu den verbliebenen Kräften um Heider & Co. Sportlich, vor allem aber auch charakterlich.

In seiner Kolumne auf Liga-Drei.de gibt's von Oliver Zapel jede Menge Lob für Osnabrück.

Ist begeistert von der Kaderzusammenstellung des VfL: Liga-Drei.de-Kolumnist Oliver Zapel. ©Imago/Hartenfelser

Angriffspower mit Spielwitz

Taktisch hat der Coach seinen Jungs ein Modell an die Hand gegeben, das diesen defensiv klare Verhaltensprinzipien verabreicht, im Spiel mit dem Ball jedoch alle Freiheiten lässt. Es ist schwer, den VfL-Abwehrblock zu sprengen. Lediglich fünf Gegentore (Bestwert in der Liga) sprechen eine klare Sprache und sind die Bank des Osnabrücker Erfolgs.

Es ist aber auch nicht einfach, die vor Spielwitz nur so strotzende Angriffspower zu bremsen. Da wissen gleich mehrere Burschen, wo die Hütte steht. Und sollte das nicht reichen, hat Zauberfuß Alvarez auch noch ein Wörtchen mit seinen Freistoßfilets mitzureden.

Auf die Menschen kommt es an

Kurzum, das Beispiel VfL Osnabrück zeigt, wie wichtig gute und strategische Planung für eine Mannschaft, einen Verein und eine Region sein kann. Spielphilosophien und taktische Ergüsse hin oder her. Alles überbewertet. Wichtig sind die Menschen, die jeden Tag miteinander arbeiten und viel Zeit verbringen.

Die, die kapieren müssen, dass sie alle in einem Boot sitzen und denen persönliche Schicksale unwichtig sind.

Die, die sich ihrer Verantwortung den Menschen gegenüber bewusst sind, die sich mit ihnen identifizieren und sie spielen sehen wollen.

Die, die aber auch Vertrauen benötigen, um Leistung zu bringen.

Der VfL Osnabrück ist wieder eine Truppe. Auf und abseits des Platzes. Der Erfolg, vor allem aber auch die mutige Spielweise, haben die Fans zurück an die Brücke geholt und aus der wieder eine echte Festung gemacht. Jetzt gilt es für alle Beteiligten „nur“ noch, auch in anderen Zeiten zusammen zu stehen.

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