1. FC Magdeburg: Wollitz ein Vulkan ohne Diplomatenpass

Lothar Gans über seine sechseinhalb Jahre mit Pele

Autor: Luis Hagen Veröffentlicht: Samstag, 18.01.2020 | 07:00

Pele Wollitz bei seiner Vorstellung in Magdeburg.

So gutgelaunt ist Pele Wollitz während eines Spiels nur selten zu erleben. ©imago images/Jan Huebner

Unter den Schiedsrichtern in der 3. Liga soll die Neuigkeit zum Jahreswechsel im Eiltempo die Runde gemacht haben: Ja, er ist wieder da. Pele ist wieder da.

Denn die Gilde der Unparteiischen ist gewarnt: Wenn Wollitz Ende Januar im Derby gegen den FSV Zwickau und seinen ehemaligen Osnabrücker Kapitän Joe Enochs in der pickepackevollen Magdeburger Fußball-Arena seine neuen Spieler antreibt, wird er wieder brennen und dabei so wirken, als würde er Lava und Asche ausspeien wie ein ausgebrochener Vulkan.

Wollitz, der besessene Motivator und Einpeitscher, wird nicht anders können. Denn wenn Wollitz an der Rampe zum Spielfeld sein hochexplosives Leben lebt, also schimpft, schnauzt und vor lauter Wut kocht, weil er sich und seine Spieler ungerecht bewertet sieht, dann werden im Lager der Schwarzkittel alte Muster bedient.

„ Pele verkörpert die Emotionen des Fußballs wie kein anderer. ”
Osnabrücks Ex-Sportdirektor Lothar Gans

"Pele verkörpert die Emotionen des Fußballs wie kein anderer. Dies hat viele gute Seiten, doch leider auch ein paar der schlechteren Art", sagt Lothar Gans. Der war über zwei Jahrzehnte die Triebfeder des VfL Osnabrück. Beschaffte Jahr für Jahr erst Sponsoren, dann Geld und Spieler. Oftmals mit heißer Nadel. Und eines Tages holte er Pele Wollitz als Trainer zum VfL Osnabrück. Das war 2004.

Seither kennen die Fans die Fußballwelt des Pele Wollitz. Woche für Woche erlebt das Publikum, wie schwer es ihm fällt, Distanz zu wahren. Zunächst sind es immer nur seine Gefühle, seine Begeisterung und sein Eifer, hier und jetzt immer nahe seinen Spielern sein zu wollen. Doch es folgen das erste Wortgefecht, die erste Aufregung, der erste Affekt. Alles wie in einem Rausch und plötzlich hat die Wucht der Ekstase das Spielfeld erreicht und ist somit auf die Macht der Kampfrichter geprallt.

„ Wollitz treibt die Lust an der totalen Identifikation. ”
Lothar Gans

Lothar Gans umschreibt diese Gefahr so: "Wollitz treibt die Lust an der totalen Identifikation. Er fühlt sich am wohlsten, wenn er für alles verantwortlich sein kann." Doch viele dieser Bilder haben die Ordnungshüter des Fußballspiel gespeichert.

Somit werden Blickkontakte und Lauschangriffe in Richtung Magdeburger Trainerbank nun auch wieder in die Prioritätenliste der Unparteiischen gerückt. Denn die Alternativen sind gefürchtet: Wer zu viel durchgehen lässt, bekommt bald noch mehr Probleme mit der Disziplin.

Pele Wollitz (l.) und Lothar Gans.

Sechseinhalb gemeinsame Jahre an der Bremer Brücke: Pele Wollitz (l.) und Lothar Gans. ©imago images/Dünhölter SportPresseFoto

So bleiben auch Lothar Gans Zeiten in Erinnerung, in denen Fußballspiele mit Pele Wollitz häufig gleichzeitig mit besonderen Herausforderungen an das Schiedsrichterwesen verknüpft waren.

Ohnehin wurde die Allianz auf eine harte Probe gestellt, denn erst im dritten Anlauf gelang Wollitz mit dem VfL der langersehnte Sprung: Aus der ungeliebten Drittklassigkeit zurück in die 2. Bundesliga. Und abermals hielten sie die Spielklasse auch nur eine Spielzeit lang. Im zweiten Jahr ruckelte es hinten und vorne. Mit der Konsequenz, dass Gans Wollitz entlassen musste.

Meister der Selbstinszenierung

Dennoch hat Wollitz einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen an der Bremer Brücke. Keineswegs allein deshalb, weil er als Meister der Selbstinszenierung gilt und so die Reputation der Marke Wollitz hegt und pflegt. Dies gelang ihm eine Zeitlang auch in Cottbus. Wer Wollitz holt, gewinnt jemanden, der gern alles selbst macht. Auch in den Backstage-Bereichen des Fußballs.

Was aus alter Verbundenheit verschwiegen wird: Doch der keinesfalls alles allein schaffen kann. Jedenfalls nicht, wenn dem Fußball keine Defizite zukommen sollen. So geschehen bei Energie Cottbus: Im vorigen Frühsommer ist mit dem letzten Atemzug der Spielzeit die 3. Liga verloren gegangen und für die One-Man-Show gab es seither auch in der Lausitz nicht mehr so viel Rückendeckung wie zuvor.

In Magdeburg muss er Teamplayer sein

In Magdeburg wird sich Wollitz auf das Wesentliche reduzieren. Er wird sich daran gewöhnen müssen, Teamplayer zu sein. Er muss Fußball-Lehrer sein und sonst nichts. Mehr erwarten Magdeburgs Bosse, Mario Kallnik und Maik Franz, von Wollitz nicht. Hält er sich daran, könnte es in Magdeburg den besten Wollitz aller Zeiten geben.

Denn so ein starkes Verlangen nach der totalen Identifikation hat auch gute Seiten. Nochmals trägt Lothar Gans zu einer respektvollen Expertise bei und beschreibt Wollitz als einen Meister der Motivation: "Wer jemals erlebt hat, wie Pele seine Spieler vor dem Match heiß macht und ihren Siegeshunger schürt, der wünscht sich sofort, noch einmal ein Fußballer zu sein."

Hier glänzt Wollitz mit den Wirkungen und Reichweiten des Stallgeruchs, die dann besonders gern beschrieben werden, wenn sie als vermisst gelten. "Diese Waffen setzt Pele so effektiv und so glaubwürdig ein wie kaum ein anderer Trainer", sagt Gans. Wohl wissend, dass auch dessen neue Chefs genau diesen Arbeitsansatz ihres neuen Trainers besonders mögen.

„ Was er anpackt, will er unbedingt zu Ende bringen. ”
Lothar Gans über die treue Seele Pele Wollitz

Wenn alles gutgeht, könnte sich auch ein weiterer Charakterzug des Pele Wollitz als Vorzug des Strebens nach Identifikation erweisen. "Pele ist eine treue Seele, auf ihn ist immer Verlass und er lebt nach der guten alten Regel: Ein Mann, ein Wort! Was er anpackt, will er unbedingt zu Ende bringen", sagt Gans und berichtet davon, dass Wollitz einst in Osnabrück blieb, obwohl er es woanders hätte besser treffen können: "Doch er ist geblieben, weil er überzeugt war, das wir hier etwas eigenes Besonderes aufbauen würden."

Renno als beruhigendes Gegengewicht

Wollitz hat René Renno mit nach Magdeburg genommen. Der frühere Torwart wird 41 Jahre alt, war unter anderem für Hertha BSC, den VfL Bochum und Energie Cottbus in der 1. und 2. Bundesliga aktiv.

Ein kluger Schachzug, denn Renno gilt an der Seite von Wollitz als der Mann fürs Feine, für die Details beim Verbessern der Spieler und - mit Verlaub - zuständig für den Fußball-Knigge im Umgang mit den Schiedsrichtern.

Zwar ist Wollitz 54 Jahre alt inzwischen. Somit viel ruhiger und gutmütiger geworden als in früheren Zeiten. Doch einen Diplomatenpass besitzt er eben immer noch nicht.

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