Chapeau, Lukas Raeder

Die besondere Leistung des 14. Spieltags

Autor: Luis Hagen Veröffentlicht: Montag, 07.12.2020 | 12:38
Lukas Raeder vom VfB Lübeck

Mit lautstarken Anfeuerungen macht Lukas Raeder dem VfB Mut. ©Imago images/Huebner

Wütend stampfend und immer wieder mit dem Kopf schüttelnd ist Stefan Kutschke sofort nach dem Abpfiff des Schiedsrichters im Geschwindschritt in die Kabine marschiert. Ingolstadts Kapitän war stinkesauer.

Nur fünf Tage nach der peinlich anmutenden 0:2-Niederlage beim Tabellenletzten SV Meppen ist diesem Ingolstädter Torjäger mit Gardemaß und Vorkämpfer-Qualitäten schon wieder ein Außenseiter aus dem Fußball-Norden in die Quere gekommen.

20 Minuten zuvor hatte Kutschke in seinem Spezialgebiet noch punkten und Lübecks Torwart Lukas Raeder mit einem blitzgescheiten Kopfball bezwingen können. Scheinbar war somit alles doch noch gutgegangen dank seines fünften Treffers und neunten Zählers in der Scorer-Wertung dieser Spielzeit.

Doch als die Aufstiegsfavoriten aus Ingolstadt im Rhythmus ihrer eingespielten Hymne freudig tanzten und Kutschkes Geistesblitz feierten, hörten die Liga-Neuankömmlinge des VfB Lübeck jemanden schreien. Immer wieder laut schreien: „Weiter Männer. Weiter, immer weiter.“

Es waren die Kommandos ihres Torhüters. In diesem immer häufiger getragenen gelb-strahlenden Arbeitsanzug der Rettungskräfte zwischen den Pfosten hatte Markus Raeder den VfB Lübeck mit einigen starken Reflexen und lauten Anweisungen bis dahin brillant im Spiel gehalten.

Jetzt aufgeben, nein aufgeben, mochte Raeder nicht. Das sollten seine Teamkollegen in diesem Moment zu hören bekommen. Raeders stimmgewaltige Präsenz verfehlte ihren Sinn nicht. Kaum mehr als fünf Minuten später kam die pfiffige Antwort durch den neuen Angreifer Pascal Steinwender. Der war im Oktober noch im allerletzten Moment vom SC Paderborn an die Lohmühle gekommen. Dieses 1:1 per Lupfer bei den Schanzern war sein Saisontreffer Nummer drei.

Mit FC-Bayern-Vergangenheit Lübecks Attraktion

Nein, einen Kader der Namenlosen verkörpert der Rückkehrer in den Profifußball inzwischen nicht mehr. Doch Lukas Raeder ist Lübecks Attraktion.

2011 ist Manuel Neuer von Schalke 04 zu den Bayern gewechselt. Neuer war 25 Jahre alt und bereits Torwart der Fußball-Nationalmannschaft damals. Ein Jahr später ist Lukas Raeder denselben Weg gegangen. Mit 19 damals.

Was einmal gut funktioniert, gelingt auch ein zweites Mal. Dachten sich die Talente-Scouts von der Säbener Straße wohl und griffen sofort zu. Die U19-Junioren der Schalker hatten den Bayern im Endspiel den deutschen Meistertitel vor der Nase wegschnappen konnten.

Lukas Raeder, der im Team des hochdekorierten Ausbildungstrainers Norbert Elgert zwischen den Pfosten agierte, hatte zweifellos großen Anteil am 2:1-Sieg über die Bayern.

Doch aus heutiger Sicht war ohnehin eine spannende Formation der Königsblauen in diesem Finale am Start. Vor Raeder verteidigte Sead Kolasinac, der bei Arsenal in der Premier League Karriere macht. Sorgte Philipp Max für Geschwindigkeit und Philipp Hofmann für den Siegtreffer. Sowie Max Meyer für viel Spielwitz.

Diese Spieler holten sie nicht nach München. Nur diesen Lukas Raeder. So körperlich wie Neuer, so begabt wie Neuer und eines Tages so gut wie Neuer. Dachten sich die schlauen Bayern-Entscheider.

über Raeders Zeit beim FC Bayern
„ Er war gelähmt vom ständigen Vergleich mit Neuer ”
Sören Osterland

Unter ihnen war auch Sören Osterland. Mit 26 Jahren ist Osterland jüngster Absolvent der Ausbildung zum Fußball-Lehrer. Bestand mit einem Zeugnis voller Bestnoten. Auch für solche Männer ist Platz beim FC Bayern. So war Osterland als Assistent von Mehmet Scholl für das U23-Team im Einsatz.

Liga-Drei.de erreicht Sören Osterland am Nikolaus-Tag, seinem 35. Geburtstag. Im Gespräch mit Liga-Drei.de beschreibt er die große Zerreißprobe, in der sich Lukas Raeder beim großen FC Bayern aufgerieben hat:

„Lukas fühlte sich unterbewusst einem starken Leistungsdruck ausgesetzt, weil er ständig mit Neuer verglichen worden ist. Das hat ihn gelähmt. Das war ihm unangenehm. So war er recht zurückhaltend zunächst.“

Sören Osterland beim FC Bayern

Sören Osterland assistierte beim FC Bayern Mehmet Scholl und trainierte Lukas Raeder. ©Imago images/Lackovic

Nun, Lukas Raeder kam wie Neuer von Schalke, ist wie Neuer deutlich über 1.90 Meter lang und mit einer ähnlich blonden Haarpracht wie Neuer aktiv. Somit schienen solche Vergleiche damals naheliegend.

Doch die Konsequenzen eskalierten in eine persönliche Katastrophe, wie Sören Osterland heute berichtet: „Lukas wurde hochgepusht in Fußball-Sphären, die er damals als so junger Kerl von der Persönlichkeit her überhaupt noch nicht erreichen konnte.“

Wenn die Seele schmerzt, reißen Bänder

Soviel Stress ist Seelenschmerz. Der raubt Energien. Wo Energien fehlen, weil die Seele schmerzt, knacken Knochen oder reißen Sehnen und Bänder. Bei Lukas Raeder war es gar das Kreuzband. Folge: Lukas Raeder, der an der Seite von Neuer zum nächsten Topkeeper aufgebaut werden sollte, war plötzlich raus aus dem Wettbewerb, dem Fokus, dem großen Ziel.

Sören Osterland war nahe dran damals, hat viel trainiert mit ihm, so manches Gespräch gesucht. Jetzt erinnert er sich voller Anerkennung, wie verbissen Raeder für sein Comeback gekämpft hat:

„Mit seinem nimmermüden Ehrgeiz und mit seiner starken Kraft, eine hohe innere Eigenmotivation entwickeln zu können, war er schon nach sechs Monaten wieder einsatzbereit. Das ist Rekordzeit nach einer so schweren Verletzung“, bemerkt Osterland, der aktuell in der Ausbildungsarbeit des 1. FC Magdeburg im Einsatz ist.

Die Bewältigung dieser schweren Verletzung habe Lukas Raeder parallel auffällig als Persönlichkeit reifen lassen, glaubt Osterland heute und so liefert er seine Begründung gern sogleich mit: „Lukas ist auf dem harten Boden der Tatsachen gelandet. Diese Landung hat ihn befreit von all den unverschuldeten Hirngespinsten. So konnte er bei null anfangen und sich ungestört wieder in eine Topverfassung trainieren und endlich als Torwart und als Mensch aufblühen.“

Acht Jahre später fällt Lukas Raeder jetzt in der 3. Liga als Leader im Team des VfB Lübeck auf. Zeigt dies mit einem besonnenen Torwartspiel und mit starker Präsenz im Coaching seiner Abwehrkollegen.

Karriere-Prognose für Raeder
„ Die 3. Liga ist für Lukas noch nicht das Maß aller Dinge ”
Sören Osterland

Nach 12 Jahren der Abstinenz im Profifußball und einem halben Dutzend Spielen für die Gewöhnung an die 3. Liga ist auch dieser Verein wieder angekommen im Profifußball. Die Ergebnisse, wie das jüngste 1:1 beim Aufstiegsfavoriten FC Ingolstadt, werden immer besser, die Anerkennung der Gegner immer größer und die Anzahl der Gegentore immer geringer.

Überstanden sind die Zeiten, in den der VfB so manches Mal noch sportliches Lehrgeld bezahlen musste, in München gleich zweimal vier Treffer sowie gegen den Halleschen FC drei Gegentore kassieren musste.

„Es freut mich sehr, dass Lukas diese so wichtigen Ressourcen aus sich herausgearbeitet hat. Vom reinen Talent des Torwartspiels her war schon bei uns in München ersichtlich, dass große Potenziale in ihm schlummern. Doch nun ist Lukas Raeder endlich wirklich im Profifußball angekommen“, sagt Sören Osterland weiter.

Seine Expertise schließt er somit mit einer Prognose ab, die Lübeck Nummer eins gern zur Kenntnis nehmen wird: „Nach dieser Entwicklung traue Raeder zu, dass die 3. Liga für ihn noch lange nicht das Maß aller Dinge ist.“

Ein Kräftemessen zwischen Ingolstadt und Lübeck hatte es im deutschen Fußball zuvor noch nie gegeben. Dank des Punktgewinns wird diese Premiere für den VfB und für Lukas Raeder in guter Erinnerung bleiben. Mindestens bis zum kommenden Match: Dem Duell mit dem 1. FC Magdeburg an der Lohmühle.

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