Chapeau 2020, Rino Capretti

Die besondere Leistung dieses Fußball-Jahres

Autor: Luis Hagen Veröffentlicht: Freitag, 25.12.2020 | 09:00
Guerino Capretti beim SC Verl

Besonnen an der Seitenlinie: Guerino „Rino“ Capretti. ©Imago images/Revierfoto

In der Historie aller Trainer des SC Verl tauchen interessante Namen auf. Als Dieter Hecking dort aktiv war, nahm seine Karriere sogleich Fahrt auf. Auch Bernard Dietz, Heribert Bruchhagen, Dieter Brei und Gerd Roggensack sind Figuren mit Bundesliga-Geschichte und mit so Vielem mehr.

Seit 2016 ist Rino Capretti verantwortlich dort. Jetzt, vier Jahre später, lebt er an derselben Stelle seinen Traum. Steigt mit dem SC Verl in die 3. Liga auf und ist dort sogleich auffällig unterwegs. Nicht immer mit der bestmöglichen Punktausbeute, doch fußballerisch oftmals eine Attraktion. 

Makelloses Führungszeugnis von Kauczinski

Weil der SC Verl unlängst sogar den aktuellen Liga-Primus Dynamo Dresden überzeugend dominieren konnte, hat Markus Kauczinski seinem neuen jungen Trainerkollegen sogleich in aller Öffentlichkeit ein makelloses Führungszeugnis ausgestellt. 

„Der SC Verl ist der stärkste Gegner, den wir bisher hier hatten. Das ist eine unheimlich spielstarke Mannschaft. Das haben viele Gegner vor uns auch schon zu spüren bekommen. Und das wird so weitergehen“, erklärte der Coach von Dynamo Dresden bei „Sport im Osten“ im MDR-Fernsehen.

Dass Rino Capretti mit seinem SC Verl den Sprung in den Profifußball im vorigen Sommer schaffen konnte, hat Gründe, die ungewöhnlich sind und dies hoffentlich für immer bleiben werden. 

Als die Regionalliga West ihren Spielbetrieb mit dem Programm des Februars beendete und abrechnete,  belegte der SC Verl den zweiten Tabellenplatz. Mit zwei Spielen weniger, doch zwei Punkten mehr als Rot-Weiß Essen. Nur ein einziges Spiel hatte Rino Capretti mit seinen Spielern bis dato verloren. Die Essener indes bereits deren fünf. 

Das alles freilich wäre auch für SC Verl wertlos gewesen, wenn nicht Liga-Primus SV Rödinghausen im Frühjahr abermals entschieden hätte, sich nicht für einen Platz in der 3. Liga zu bewerben. Bereits 2019 hatte dieser Verein auf einen Lizenzantrag verzichtet.

Mit zwei Remis Aufstieg über Lok Leipzig

So war der Weg für den SC Verl und seinem Trainer Gino Capretti. In zwei Relegations-Kräftemessen konnten sie den 1. FC Lok Leipzig zwar nicht besiegen, doch in der Endabrechnung genügten zwei Remis dem SC Verl zum Aufstieg in die 3. Liga. Zwei erzielte Auswärtstreffer beim 2:2 in Leipzig entschieden über Hopp oder Top.

Andreas Saur über seinen ehemaligen Mitspieler
„ Überrascht mich überhaupt nicht, dass Rino als Profitrainer sein Glück gefunden hat ”

Als in Verl schon einmal drittklassiger Fußball zu erleben war, hieß diese Spielklasse noch Regionalliga und war in Liga Nord und Liga Süd aufgeteilt. Damals gehörte Rino Capretti noch als Innenverteidiger zum Stammpersonal des SC Verl. 

„Zwar war er mit seinem Lehramt-Studium damals auf einem völlig anderen Weg, doch es überrascht mich überhaupt nicht, dass Rino nun als Profitrainer sein Glück gefunden hat“, bemerkt Andreas Saur. Zwei Jahre lang bildete das Duo Capretti/Saur beim SC Verl die Innenverteidigung.

Andreas Saur beim SC Verl

Stand mit Capretti auf dem Platz: Andreas Saur. ©Imago images/Dünhölter Sportpressefoto

Und daran erinnert sich Andi Saur heute noch gern: „Auf Rino war immer Verlass. Er hat seine Intelligenz auch auf das Spielfeld gebracht und sich schon immer für Vieles mehr interessiert als fürs Verteidigen, Grätschen und Zweikämpfe gewinnen.“ Was Saur meint, ist Caprettis Engagement für neue taktische Ideen sowie für positive Impulse für den Teamverbund.

„Rino war damals auch schon ein guter Leader, doch niemals mit den Allüren eines Alpha-Tiers“, stellt Saur klar. Ja, sie sind gut klargekommen miteinander. Als Capretti zunächst den Delbrücker SC in der Oberliga trainierte, hätte er Saur gern als Co-Trainer dabeigehabt. Doch Saur ist wieder in seine süddeutsche Heimat zurückgekehrt und veranstaltet Turniere für die Fußballjugend.

In der Tat war eine Karriere als Trainer im Profifußball damals noch nicht in Arbeit. Capretti studierte Mathematik, Religion und Sport auf Lehramt und war dann auch eine Zeitlang an einer Realschule in Gütersloh als Lehrer im Einsatz. Doch seit an der SC-Verl-Arena für die Gestaltung des Fußballs neue professionelle Strukturen gelegt worden sind, ist Capretti nunmehr als Vollzeit-Trainer aktiv.

Mehr noch: Dank des Aufstiegs in die 3. Liga absolviert Capretti nun auch noch eine weiteres Studium: An der Trainer-Akademie des DFB in der Sportschule Hennef wird er zum Fußball-Lehrer ausgebildet. Die Bundesliga kann kommen.

Seit dem Aufstieg entstehen neue Optionen

Seit dem Aufstieg im Sommer dieses Jahres entstehen neue attraktive Optionen. Doch für Capretti passt ein Wechsel jetzt noch nicht in die Zeit. Zum einen, weil er das Bündnis mit dem SC Verl und dessen Aufstiegs-Helden jetzt noch nicht durchbrechen mochte. Zum anderen, weil er glaubt, den Spagat zwischen dem Programm der DFB-Lizenz und dem Kraftakt als Trainer im Fußball-Marathon der 3. Liga in gewohnter Umgebung besser meistern zu können. Capretti ist erst 38 Jahre alt. Und voller Vernunft.

Mit seiner Mannschaft, in der allein Spieler aktiv sind, die hungrig sind, die Entwicklungspotenziale haben und charakterlich zum SC Verl passen, möchte Rino Capretti mit sportlichen Mitteln vor allem  dies erreichen: „Wir wollen unseren Fußball zeigen, auf dem Spielfeld aktiv sein und dabei gern auch mal richtig zocken“, erklärt Capretti gern.

Wieviel Qualität in seinem Team bereits zu stecken scheint, beweisen auch einige Ergebnis-Highlights in der 3. Liga: Das 4:0 in Duisburg, das 2:1 in Saarbrücken und zahlreiche Heimsiege. So der gegen die neue Generation der Jungprofis des FC Bayern.

Die Angelegenheit in Dresden fällt unter die Rubrik Lehrgeld. Na klar. „Die Punkte bekommt nicht der, der den schönsten Fußball spielt. Sondern der, der die Tore schießt. Wir müssen mit unseren Chancen gewissenhaft umgehen“, erklärte Capretti in der Dresdner Medienrunde. 

Markus Kauczinski war das alles dann doch ein wenig zu viel des Herummäkelns und gab seinen neuen Kollegen stattdessen seine eigene Botschaft mit auf den Weg: „Das Positionsspiel des SC Verl ist saustark. In diesen Bereichen war Verl besser als wir.“ So also sprach der erfahrene Trainer des Tabellen-Ersten nach seinem Erfolg über den SC Verl. 

Und so scheint es, als bewege sich Rino Capretti in den Spuren des Dieter Hecking. Denn auch bei ihm begann ja alles einst einmal beim SC Verl.