Oliver Zapel: Der Toni macht’s beim KSC!

Karlsruhe fast wie zu Euro-Eddies Zeiten

Anton Fink jubelt mit Damian Roßbach und Marvin Pourié vom KSC

Anton Fink (m.) hat schon wieder sechs Saisontore auf dem Konto. ©Imago/Jan Huebner

Der Karlsruher SC ist Spitzenreiter. Zumindest in der Jahrestabelle 2018. Bockstarke 68 Punkte ergatterte sich das Wildpark-Team in 35 Spielen, von denen insgesamt nur fünf verloren gingen. Auch in der Auswärtstabelle der aktuellen Saison belegt der KSC den ersten Platz. Zur Belohnung gibt es jetzt obendrauf noch einen schnuckeligen neuen Fußball-Tempel. Alles paletti also in Baden! Oder?

Fast. Denn noch immer schmerzt der Blick zurück auf den 22. Mai diesen Jahres. Den Tag, als Fabian Schleusener mit seinem letzten Treffer für den Sport-Club kurz vor der Halbzeit des Relegations-Rückspiels in Aue das Tor zur 2. Liga weit öffnete, ehe man am Ende mit 1:3 den Kürzeren zog. Der Traum vom direkten Wiederaufstieg und der damit verbundenen finanziellen Entspannung war geplatzt.

Tradition in der Region

Genau an dieser Stelle lohnt sich ein Blick zurück. Seit Generationen steht der Karlsruher SC für Tradition, Leidenschaft, Herzblut. Die regionale Verbundenheit des Clubs kann man am ehesten in dem Moment nachvollziehen, wenn vor den Heimspielen die Fans der Blau-Weißen voller Inbrunst das Badnerlied schmettern. Die Menschen l(i)eben ihren Verein. Egal, was passiert. Hauptsache, es wird ehrlich gearbeitet. Bodenständigkeit geht vor. Je schmutziger bei Abpfiff das Trikot, desto größer die Identifikation der Anhänger mit ihren Idolen.

Eben diese Haltung war es auch, die den Verein in den richtig guten Zeiten auszeichnete. Besonders dann, wenn man den Protagonisten langfristig vertraute, war der KSC besonders erfolgreich. Als 1986 ein gewisser Winfried Schäfer als Trainer-Greenhorn in seiner unnachahmlichen Art und Weise von der Leine gelassen wurde, prägte er knapp 12 Jahre eine nachhaltige Epoche. Unter ihm wurden Spieler wie Oliver Kahn, Jens Nowotny, Mehmet Scholl, Michael Sternkopf und auch ein gewisser Oliver Kreuzer zu internationalen Stars.

DNA-Verlust in der Post-Schäfer-Ära

Der nächste Coach, mit dem man immerhin über 4 Jahre Erfolge feierte, hieß Ede Becker. Noch heute ist Becker dem Verein nachhaltig als Führungskraft, nämlich als Leiter des renommierten Nachwuchsleistungszentrums, verbunden. Genauso lange wie Becker und ebenfalls sehr eng mit dem Nachwuchs verzahnt, bewies dann KSC-Urgestein Markus Kauczinski, dass es sich lohnt, dem Chef auf der Brücke Zeit zu geben, um den richtigen Kurs zu finden.

Klar, es soll keinesfalls verschwiegen werden, dass in der Zeit nach Schäfer (seit 1998) weitere 13 Chef- sowie 3 Interimstrainer kurzfristige und weniger erfolgreiche Engagements im Wildpark „feierten“. Da wurden einige Patronen verballert. Unter ihnen übrigens auch ein gewisser Joachim Löw.

Besonders die Versuche, den Abgang von Kauczinski adäquat zu kompensieren, scheiterten kolossal. Sie führten sogar zu einem völlig unerwarteten Abstieg in Liga 3. Durch die vielen Wechsel in der Führung verloren die Wildpark-Buben schlichtweg ihre DNA. Taktisch und spielphilosophisch verwirrt, schlingerte das für den direkt avisierten Wiederaufstieg mit zahlreichen Hochkarätern aufgepimpte Ensemble haltlos dahin.

Oliver Kreuzer und Alois Schwartz vom Karlsruher SC

Oliver Kreuzer (l.) brachte mit Alois Schwartz den Erfolg zurück in den Wildpark. ©Imago/Sportfoto Rudel

Als es den Fans schließlich zu bunt und die Proteste zu laut wurden, zog Sportdirektor Oliver Kreuzer die Reißleine. Und gleichzeitig den entscheidenden Joker. Alois Schwartz, der routinierte und sozial-kompetente Fußball-Pädagoge, der zwar in Nürnberg mangels Ergebnissen scheiterte, davor jedoch sehr erfolgreich den SV Sandhausen in die Spur brachte, war der Auserwählte.

Aus der Tiefe Richtung Spitze

Mit gesunder Autorität, Disziplin und Führungsqualität fand er nicht nur vom ersten Tag an den Zugang zu den bis dahin wie blockiert agierenden Stars. Messerscharf erkannte er, woran es dem Team insgesamt am dringlichsten fehlte. Entgegen der Mutmaßung, dass der KSC als Zweitligaabsteiger und mit seinen namhaften Offensivstrategen Tiki-Taka-Ballbesitzfußball zelebrieren müsse, verabreichte er seiner Kombo zunächst Struktur und strikte Defensiv-Leitplanken. Mit Erfolg. Denn insbesondere das zuvor wackelige Abwehrdreieck Uphoff-Gordon-Pisot stabilisierte sich binnen kürzester Zeit und strahlte fortan und bis zum heutigen Tage die vermisste Sicherheit aus.

Die etwas tiefere Ausrichtung der perfekt aufeinander abgestimmten Defensivreihen führte nicht nur zu mehr Kompaktheit. Sie veränderte vor allem auch die taktische Ausrichtung der zuvor eher reagierenden und auf Umschaltspiel bauenden Gegner. Eine geschickte Falle. Denn durch den Schachzug, dem Gegner über weite Strecken den Ball zu überlassen und ihn unterschwellig in Pressingfallen zu locken, kam die zweite große Qualität des KSC zum Ausdruck: das Konterspiel.

Die Wuchtbrumme und das Schlitzohr

Bis zum besagten Aue-Spiel war es insbesondere Fabian Schleusener, der immer wieder seine herausragenden Fähigkeiten bei schnellen Gegenangriffen mit wichtigen Matchball-Toren krönte. In dieser Saison beweist Marvin Pourié immer und immer wieder, was für eine Stürmer-Wuchtbrumme dem KSC da ins Netz gegangen ist. In vielem erinnert Pourié an Winnies Euro-Eddie!

Apropos Winnie: Kennt Ihr eigentlich Schäfers zweiten amtlich registrierten Vornamen? Richtig! Anton! Womit wir direkt beim nächsten Hauptdarsteller des KSC-Erfolges gelandet sind. Toni Fink, die schlitzohrigste Torgarantie der nördlichen Halbkugel, erlebt gerade eine Mega-Hochphase. Nie war der Pointguard für Karlsruhe so wertvoll wie heute. Sowohl als Knipser der wichtigen Buden, noch viel mehr eigentlich als sensationeller Passgeber und kongenialer Partner von Pourié, ist Toni der Garant dafür, dass sein Team sich nach zähem Start in die Saison (den logischen Spätfolgen des verpassten Aufstiegs) oben festgebissen hat.

MA-MA steht im Mittelpunkt

Wie die anderen derzeit erfolgreichen Teams der 3. Liga (z.B. Münster und natürlich Osnabrück) verfügt der KSC über eine stabile, belastbare Zentral-Achse. Neben den bereits erwähnten Uphoff, Gordon, Pisot, Fink und Pourié sorgt das MA-MA-Mittelfeld für die Balance. Sandhausen-Neuzugang MAnuel Stiefler schlug voll ein, während MArvin Wanitzek seine guten Leistungen im Vorjahr bestätigt. Besonders wertvoll ist Wanitzek natürlich auch als Standard-Schütze. Nicht zuletzt durch seine Ecken und Freistoß-Filets zählt Karlsruhe zu den gefährlichsten Standard-Teams der Liga.

Oliver Zapel schreibt für Liga-Drei.de

Zollt dem KSC für die jüngste Entwicklung Respekt: Liga-Drei.de-Kolumnist Oliver Zapel. ©Imago/Hartenfelser

Fazit: Sportdirektor Kreuzer hat mit der Verpflichtung von Alois Schwartz die Trendwende eingeleitet und einen Trainer geholt, der mittel- bis langfristig zur Vereinsphilosophie des Clubs passt. Des Weiteren konnte er einen Kader zusammenbasteln, der trotz der Abgänge von Schleusener, Mehlem und Muslija sehr gut zur Spielidee des Coaches passt und in dem es hierarchisch stimmt.

Der strategische Ansatz, über kompaktes, robustes Defensivverhalten, daraus resultierende tiefe Ballgewinne und blitzschnelle Konteraktionen über den Verbindungsspieler Fink und Abschlussgranate Pourié zum Erfolg zu kommen, funktioniert. Auch Plan B, gegen tiefer stehende Mannschaften über die Flügeltandems (besonders Roßbach/Lorenz) zu kombinieren, hat sich bewährt. Die Standards von Wanitzek und Lorenz (sogar Einwürfe) sind Waffen, die man benötigt, um in den chronisch engen Spielen der 3. Liga zu punkten.

Es verdient großen Respekt, nach dem verpassten Wiederaufstieg, dem dadurch logisch bedingten zähen Saisonstart sowie trotz der großen Konkurrenz erneut wieder ganz oben mitzuspielen. Läuft, KSC!

Schon Mitglied beim offiziellen 3.Liga-Sponsor bwin? Jetzt anmelden & bis zu 100€ Willkommensbonus kassieren!