Viktoria Köln: Interview mit Roland Koch – Teil 3

"Bill Shankly umgab eine bestimmte Aura."

Roland Koch im Training von Viktoria Köln

Roland Koch wurde durch seine Zeit beim FC Liverpool geprägt. ©Imago images/Eduard Bopp

Roland Koch ist Leiter der Nachwuchsabteilung von Viktoria Köln, worüber er mit uns im ersten Teil unseres Interviews sprach. Während es danach in der zweiten Episode über die generelle Jugendförderung in Deutschland und die Ausbildung der Trainer ging, plaudert der erfahrene Trainer jetzt zum Abschluss aus dem Nähkästchen und gibt besondere Einblicke in seine Zeit beim FC Liverpool. Roland Koch über…

sein Erfolgsrezept: „Das Geheimnis des Erfolges sind Träume, Visionen. Träume sind der Motor unseres Lebens. Voraussetzung zur Realisierung von Träumen sind klare Zielfokussierungen mit wohlüberlegten Strategien, großer Arbeitseinsatz gepaart mit kreativem Denken, ungeheure Leidenschaft und unerschütterliches Selbstbewusstsein. Wenn diese Attribute zusammenkommen, dann kommt meistens auch noch das Glück hinzu.“

seinen Werdegang: „Als ich mein Studium an der Deutschen Sporthochschule begann, da reifte bei mir sehr schnell der Entschluss, Trainer in der ersten Fußballbundesliga zu werden. Um diesem Ziel näher zu kommen, suchte ich mir ein äußerst interessantes, zugleich auch arbeitsintensives wie anspruchsvolles Diplomarbeitsthema aus mit dem Titel „Trainingsplanung im Profifussball“, eine vergleichende Analyse zwischen der Ersten Bundesliga und der Englischen Premiere League.

Ich wollte die besten Clubs Deutschlands und Europas kennenlernen. Diese Untersuchung führte mich neben den damaligen überragenden deutschen Teams Borussia Mönchengladbach mit Cheftrainer Udo Lattek und Assistenztrainer Jupp Heynckes, die in der Saison die UEFA-League gewannen und Fortuna Düsseldorf, das das Europäische Finale der Pokalsieger gegen den FC Barcelona bestritt, auf die Insel zu Manchester United und anschließend mit der richtigen Strategie, aber auch ein wenig Glück, zu einem der weltbesten Clubs überhaupt, dem FC Liverpool.“

Der FC Liverpool hat meine Trainerkarriere maßgeblich beeinflusst. (über seinen Werdegang)

seine Zeit in Großbritannien: „Es war genau dieser “weltbeste“ Club, der meine Trainerkarriere und mein Denken und Handeln als Trainer in den folgenden Jahrzehnten maßgeblich beeinflusst hat. Doch bevor ich überhaupt einige Monate lang die Geheimnisse dieses außergewöhnlich erfolgreichen Clubs ergründen durfte, bekam ich zuerst einmal auf meine von Deutschland aus gestellte Anfrage bzgl. einer Hospitation eine klare Absage.

Die Enttäuschung war groß, aber an Aufgeben war natürlich nicht zu denken. Ich dachte, zuerst einmal auf der Insel sein, dann sehen wir weiter. Und ich startete eine mehrmonatige Hospitation bei Manchester United, die ich im Trainingslager in Deutschland aufgesucht hatte und die mir eine Erlaubnis für Trainingsbeobachtungen in Manchester erteilten.“

seinen Wechsel nach Liverpool: „Am Ende des Untersuchungszeitraumes bei Manchester United bat ich den damaligen Cheftrainer, Dave Sexton, um ein abschließendes Gespräch. In diesem Gespräch teilte ich ihm mit, dass meine äußerst interessante und aufschlussreiche Zeit nun zu Ende gehe und ich noch einen weiteren Club analysieren müsste.

Auf seine Frage, zu welchem Club ich denn jetzt gehen möchte, schaute ich ihn eindringlich einige Sekunden an und antwortete, „Mr. Sexton, zu welchem Club kann ich denn jetzt noch gehen, nachdem ich Sie und Ihren Club Manchester United kennengelernt habe?“ Er fragte mich: „Willst Du etwa nach Liverpool?“. Ich nickte, erzählte ihm aber gleich, dass ich schon eine schriftliche Absage bekommen hätte.

Daraufhin rief er seine Sekretärin und beauftragte sie, eine telefonische Verbindung zum damaligen Cheftrainer Bob Paisley herzustellen. In diesem Telefonat bat Dave seinen Kollegen Bob einmal eine Ausnahme zu machen und mich bei seinem Club, dem FC Liverpool hospitieren zu lassen.

Dreimal hörte ich, wie er sagte: „no problems, no problems Bob, no problems with him.” Bob Paisley sagte dann, dass sie sich gerade in den Vorbereitungen zum Auswärtsspiel im Europapokal der Landesmeister gegen den georgischen Meister Dynamo Tiflis befinden würden. Sie kämen aber in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag wieder und ich sollte mich am Donnerstag bei ihm an der Anfield Road vorstellen. Sollte mein Traum wirklich in Erfüllung gehen, den für mich weltbesten Club kennenlernen zu dürfen?“

Ein besonderes Gefühl von Warmherzigkeit. (über seine Ankunft beim LFC)

seine erste Zeit in Liverpool: „Am Donnerstagmorgen schlug ich mich ohne Navigationssystem bis zum Stadion an der Anfield Road durch. Als ich gerade durchs Tor gehen wollte, hielt mich irgendeine Kraft zurück und ließ mich nach oben schauen. Über mir im Torbogen rankte in großen Buchstaben der Satz, „ You’ll never walk alone“. Ein besonderes Gefühl von Warmherzigkeit durchzog meinen Körper. Ich wusste sofort, hier bist Du richtig, das hier ist ein Weltclub.

Im Eingangsbereich teilte ich der Sekretärin mit, dass ich ein Appointment mit dem Cheftrainer Mr. Paisley hätte. Sie bat mich, mich einige Minuten zu gedulden und brachte mir eine Tasse Tee. Kurze Zeit später ging die Tür auf und Mr. Paisley erschien und sagte: „come in“. Er fragte mich, was ich genau machen würde. Ich erklärte ihm, dass ich von der Deutschen Sporthochschule in Köln käme und eine Examensarbeit schreiben würde mit dem Thema „Trainingsplanung im Profifussball „.

Er gab mir zu verstehen, dass sie immer unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainieren würden. Keine Fans, keine Presse, keine Hospitanten. Aber da sein Freund und Trainerkollege Dave Sexton sehr gut über mich gesprochen hätte, würde er ein einziges Mal eine Ausnahme machen. Ich solle mich morgen um 9.30 Uhr am Trainingszentrum „Melwood“ einfinden. Er fragte mich auch, ob ich schon eine Wohnung hätte.

Ich verneinte. Daraufhin gab er seiner Sekretärin den Auftrag, eine Wohnung für mich zu suchen. Ich bekam eine Unterkunft bei einem äußerst netten schottischen Ehepaar. Der Mann arbeitete in den Docks von Liverpool und sprach den typischen Liverpool-Scousers-Dialekt, aber mit starkem schottischen Akzent. Ich verstand rein gar nichts. Die Tatsache, dass sie Schotten waren, sollte später noch eine ganz besondere Bedeutung erlangen. Sie stellten ihr Schlafzimmer und ihr Wohnzimmer zur Verfügung. Sie selbst zogen in ein kleines Zimmer. Ich war beschämt.“

Stellte alles bisher gesehene in den Schatten. (über das Training in Liverpool)

das Training in Liverpool: „Am nächsten Morgen war ich überpünktlich am Trainingszentrum. Um 9.30 Uhr ließen sie mich ein und obwohl ich bis jetzt bei überragenden Clubs hospitiert hatte, lernte ich jetzt einen Club kennen, der alles bisher Gesehene in den Schatten stellte. In den Schatten stellte hinsichtlich Trainingsplanung, Trainingsperiodisierung, also der Gestaltung von Mikrozyklen in einer normalen Trainingswoche oder in einer typischen „englischen Trainingswoche“ mit drei Pflichtspielen, in ihrer Trainingsorganisation, Planung und Durchführung von Trainingsschwerpunkten, das Aussuchen von passenden Trainingsinhalten und deren Vermittlung , hinsichtlich des Setzens von taktischen Schwerpunkten und des Wechsels von Belastung und Erholung.“

die Mentalität in Liverpool: „Alle Maßnahmen waren wohlüberlegt. Die Kriterien bei der Auswahl ihres Spielerkaders, ihr Umgang mit ihren Spielern, die nahezu alle Nationalspieler waren. Die Handhabung von Problemsituationen, wenn Spieler sich beschwerten über zu geringe Einsatzzeiten. Ihr besonderes Gespür für das Bilden von Teams hinter dem eigentlichen Team. Ihre hohe Identifikation mit den Fans und umgekehrt.

Ihre hohe Wertschätzung ihren Mitarbeitern gegenüber, zum Beispiel rekrutierte der Club seine Cheftrainer aus den eigenen Reihen. Dankte ein Cheftrainer ab, folgte sein Assistent auf diese Position. Bei Heimspielen das typische Applaudieren der Liverpool-Fans beim Einlaufen der gegnerischen Mannschaft, aber das frenetische Bejubeln, wenn die eigene Mannschaft ins Stadion hineinexplodierte. Ich lernte den typischen Liverpool-Roar der treuesten Anhänger, den Koppites hinter dem Tor, kennen. Dem wirklich „zwölften Mann“, mit deren Unterstützung die Mannschaft nahezu jeden Spielstand noch zu ihren Gunsten umgedreht hat beziehungsweise noch umdrehen konnte. Und, und, und…“

Plötzlich stand er direkt vor mir. (über seine erste Begegnung mit Bill Shankly)

die Begegnung mit Bill Shankly: „Aber neben all diesen Erkenntnissen und Erlebnissen hat mich eine Begegnung besonders berührt und als junger Trainer entscheidend geprägt. Es war die Begegnung mit dem Mann, der Liverpool groß gemacht hat, sein Name war Bill Shankly. „The King“ wie er von allen Liverpoolern genannt wurde. Auch er war Schotte, genau wie mein Landlord. Es verging kein Tag, wenn ich vom Training des FC Liverpool in meine Wohnung zurückkehrte, an dem mein Vermieter mir nicht etwas von diesem beeindruckenden Mann erzählte. Und das Schicksal wollte es, dass ich diese Trainerpersönlichkeit kennenlernen sollte.

Immer dann, wenn im Trainingszentrum des FC Liverpool kein Training stattfand, ging ich auf sogenannte Playing Fields, die der Öffentlichkeit zugänglich waren, um mich selbst noch fit zu halten. Eines Tages, ich war gerade in einem mit alten Farbeimern selbst aufgebauten Dribblingsparcour am Trainieren, als ich in einiger Entfernung eine Person schnurstracks auf mich zukommen sah. Er kam immer näher und plötzlich stand er direkt vor mir. Kurze graue Haare, roter Pullover mit dem Liverpoolemblem auf der Brust. Irgendwie umgab ihn eine bestimmte Aura.

Mit interessierter Stimme sagte er zu mir: „You are not English“, ich sei also kein Engländer. Ich sagte ihm, dass er Recht hätte, aber warum er denn meinte, dass ich kein Engländer sei? Er entgegnete, Engländer würden niemals individuell trainieren, nur in der Gruppe oder im Mannschaftsrahmen. Er war begeistert und fragte mich nach meinem Namen und was ich denn hier machen würde? Ich nannte ihm meinen Namen und sagte ihm, dass ich aus Deutschland käme und erzählte ihm von meiner Hospitation beim FC Liverpool.

Es war beeindruckend. (über das Gespräch mit Bill Shankly)

Anschließend fragte ich ihn nach seinem Namen. Er antwortete:“ My name is Bill Shankly“. Und obwohl ich total verschwitzt war, lud er mich ein, mit ihm zu kommen in sein nur drei Straßen weiter entfernt gelegenes Haus. Dort angekommen öffnete seine Frau Ness die Tür und er stellte mich ihr vor und bat sie, uns eine“ cup of Tea“ zu machen. Dann ging er mit mir in sein Arbeitszimmer im ersten Stock und nahm als erste Handlung ein Buch aus seinem mit Pokalen gefüllten Bücherregal. Bill Shankly, „a legend in his own time“. Es war eine limitierte Ausgabe von 2500 Kopien. Er widmete mir die Kopie 2132.

Dann gingen wir in sein Wohnzimmer, tranken Tee und ich lauschte gespannt den Ausführungen, die der Mann machte, der dem FC Liverpool 15 Jahre lang als Cheftrainer vorstand und ihn zu einem der weltbesten Profifussballclubs machte. Es war eine wundervolle erste Begegnung, der noch weitere hochinteressante während meines Liverpoolaufenthaltes folgten. Bill vermittelte mir in diesen Gesprächen, dass großer sportlicher Erfolg neben der akribischen Arbeit auf dem Trainingsplatz auch zu einem großen Teil auf der motivationalen, der emotionalen Ebene vorbereitet wird.

So erzählte er mir zum Beispiel von einer seiner emotionalen Reden vor dem FA-Cup-Finale im Wembley-Stadion gegen Leeds United, kurz bevor die Spieler auf das Spielfeld gingen. Es war beeindruckend. Nach dieser Rede konnte es nur einen Sieger geben, und der hieß natürlich FC Liverpool. Fachlich zu überzeugen und gleichzeitig emotional die Spieler, Fans, Menschen mitzunehmen und zu begeistern ist eine Grundvoraussetzung, um große Vereine zu schaffen beziehungsweise Meisterschaften zu gewinnen. Bill Shankly konnte es. Die Menschen liebten ihn. Jürgen Klopp tritt in seine Fußstapfen. Auch er ist auf dem Weg zur „Legend in his own time“. „

Hier gibt es Teil 1 & Teil 2 des Interviews mit Roland Koch zum Nachlesen.

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