Chapeau, Hendrik Hansen

Die besondere Leistung der ersten finalen Woche

Autor: Luis Hagen Veröffentlicht: Montag, 08.06.2020 | 09:16

Hendrik Hansen im Spielaufbau.

Hendrik Hansen spielte sich wieder in die Würzburger Startelf. ©imago images/Lackovic

16 Spiele! Nochmals: 16 Spiele hatte der Löwe, wie die Sechziger im Süden des Landes gern genannt werden, keinen Kampf in der 3. Liga mehr verloren. Michael Köllner, der erfolgsverwöhnte Volldampf-Motivator dieser wilden Kicker von der Grünwalder Straße, nahm die ungewohnte Schmach ebenso unerschrocken hin wie sein eigentlich bissigstes Raubtier in seinem Fußball-Ensemble: Wie sein Teamkapitän Sascha Mölders.

Doch der stämmige Mittelstürmer mit 25 Scorer-Punkten, genauer 13 Treffern und 12 Assists, hatte diesmal seinen Meister gefunden: Hendrik Hansen, 25 Jahre alt, geboren in Wolfsburg, Typus norddeutsche Eiche.

Also maßgeschneidert an diesem Tag für einen wie Mölders: Ebenso hungrig, ebenso körperlich, ebenso abgeklärt, ebenso jenseits der 1.90-Meter-Länge. Wo und wann immer sich Mölders davonzuschleichen glaubte, war Hansen hellwach und mit viel Cleverness zur Stelle: Im Laufduell, im Infight, in der Luft.

Monatelang Frustdasein auf der Reservistenbank

Sieger in allen bedeutenden Aktionsmomenten blieb Hendrik Hansen in diesem Duell und so rückt er plötzlich auf zum großen Gewinner dieser so langen uns bisher nie dagewesenen Zwangspause. Bei den Würzburger Kickers und in diesem Fußball-Marathon der 3. Liga generell.

Denn Hansen war im Herbst des vorigen Jahres in der internen Fehleranalyse mit einigen "Böcken" ausgemacht worden als einer der Schuldigen zahlreicher Gegentore. So entwickelte sich für Würzburgs körperlich längsten Abwehrspezialisten fortan ein frustrierendes Dasein auf der Reservistenbank. In 13 Spielen bis zum Corona-Aus wurde er nur noch einmal gebraucht: Beim unglücklichen 1:2 Ende Januar daheim gegen Unterhaching.

Doch als am vorigen Wochenende der Pulsschlag der 3. Liga wieder in Gang gesetzt wurde, bot sich eine Lücke im Abwehrverbund um Teamkapitän Schuppan. Weil Winterzugang Jonas David langzeitverletzt ist und Daniel Hägele nicht in vollem Umfang einsatzfähig war.

Erst Undav, jetzt Mölders

Das war in Meppen, als Hansen überraschend zurückkam und auch schon Deniz Undav, den mit 25 Scorer-Punkten besten Torproduzenten der 3. Liga, ebenso unsichtbar machte wie diesmal Mölders. Also siegte Hansen mit seinen Würzburgern 3.1 und konnte schon dort das eindrucksvollste Comeback zum Start des zuschauerfreien Fußballs in dieser Spielklasse feiern.

Mit seinem aktuellen Auftritt gegen das Angriffsmonster Sascha Mölders und dem 2:1-Triumph bei den Sechzigern könnte es Henrik Hansen nun gar gelungen zu sein, wieder anzuknüpfen an jene Zeiten beim VfL Wolfsburg, in denen er eine Zeitlang in einem Atemzug mit Julian Brandt und Maximilian Arnold als besonders förderungswürdig bewertet worden war. Gemeinsam holten sie 2013 die Deutsche Meisterschaft der U19-Junioren nach Wolfsburg.

Doch just als die beiden Kollegen sich aufmachten, zu stabilen Größen der Bundesliga aufzurücken, riss bei Hansen erst das Kreuzband im Knie, danach das Syndesmoseband im Fußgelenk. Dies sind die beiden wohl kompliziertesten Verletzungen eines Fußballprofis.

Ismael förderte und empfahl Hansen und Herrmann

Dennoch konnte sich Hendrik Hansen zurückkämpfen in die erste Reihe der Wolfsburger Toptalente. Als Valerien Ismael die U23 erfolgreich durch die norddeutschen Fußballfelder steuerte, doch in der finalen Relegation an Großaspach und dann an Jahn Regensburg jeweils scheiterte, hatte er sich in wöchentlichen Bewertungstreffen mit Hecking und Allofs für zwei seiner Spieler meist besonders eingesetzt: Für Hendrik Hansen und für Robert Herrmann, beide nun auch bei den Kickers in Würzburg als Teamkollegen aktiv.

Auch Herrmann hat einen unübersehbaren Anteil an dieser erfolgreichen Liga-3-Combackwoche der Würzburger Mannschaft. Beim Sieg in Meppen erzielte er zwei Treffer selbst und den Drei-Punkte-Treffer an der Grünwalder Straße bereitete er mit seinem energischen Zupacken zum Ballgewinn, seinem pfeilschnellen Umschalten in den Antrieb sowie mit einem präzisen Zuspiel in den Brennpunktpunkt auf den zweifachen Torschützen Fabio Kaufmann vorbildlich vor.

Ismael verfolgt ihn weiterhin

Ja, bei diesem Torerfolg hat sich nicht nur Felix Magath auf seinem Freiraumsitz im Münchner Stadion freudig auf die Schenkel geschlagen. Liga-Drei.de hat in Gesprächen mit Valerien Ismael wiederholt zur Kenntnis nehmen können, wie interessiert er jeden Auftritt seiner früheren Wolfsburger Musterschüler Hansen und Herrmann auch von Linz aus verfolgt.

Jetzt also ist "Henne", wie sie ihn auch in Würzburg rufen, wieder gut im Rennen bei Michael Schiele, einem Trainer mit der Fähigkeit, für jeden seiner Spieler eine eigene Empfangs-Antenne aufzustellen. Schiele kann nichts entgehen, denn er selbst steht für eine ständige Bereitschaft zur Kommunikation. Hoffentlich ist Felix Magath nicht eines Tages zu spät dran, wenn er sich doch noch entschließen mag, mit dem aktuellen Trainer auch die Würzburger Fußball-Zukunft füllen zu wollen.

Diese bereits zu Wolfsburger Zeiten auffälligen Comeback-Qualitäten nach schweren Verletzungen hat Hansen auch in Würzburg mehrfach unter Beweis stellen müssen. Als er 2017 in Würzburg einstieg, brach er sich den Mittelfußknochen. Danach gleich ein zweites Mal. Und vor einem Jahr war für ihn die Saison frühzeitig vorbei, weil die Knochen des Schlüsselbeins knackten.

Lange Pause ist für ihn nichts Neues

Ein Fußballspieler, der über 1.90 Meter misst und über 90 Kilo wiegt, kommt nur selten so gut zurück wie Hansen. Die lange Pause, die Corona nun für alle ausgelöst hat, war für ihn somit überhaupt nichts Neues.

Hansen kennt sich aus mit Soloprogrammen, mit Selbstmotivation, mit zuweilen qualvollen Rehas. Die Corona-Pause nicht als Last zu beklagen sondern voller Freude zu nutzen, ist ihm viel leichter gefallen als den meisten seiner Kollegen.

Eine Handvoll Spiele fehlt ihm noch

Wenn alles gutgeht für die restliche Spielzeit könnte die so komplizierte Zusammenarbeit zwischen Hansen und den Kickers gar doch noch in die Verlängerung gehen. Nur eine Handvoll Spiele fehlen noch, dann würde sich der Vertrag per Option verlängern.

Jetzt aber droht erst einmal wieder sportlicher Ungemach. Am Mittwoch kommt der Tabellenletzte Jena nach Würzburg. Heimspiel also. Nicht nur die merkwürdige Panne der Kickers gegen Magdeburg im Wochenspiel hat gezeigt: Daheim den Ausfall des Publikums zu verkraften, ist bisher nirgendwo so recht gelungen.

Doch dieses Problem zu lösen, ist primär eine Angelegenheit des Angriffsspiels. Weniger eines Abwehrrecken wie Hendrik Hansen.