Chapeau, Thomas Hoßmang

Die besondere Leistung des 5. Spieltags

Autor: Luis Hagen Veröffentlicht: Montag, 19.10.2020 | 09:25
Thomas Hoßmang beim 1. FC Magdeburg

Viel riskiert und gewonnen: Thomas Hoßmang feierte mit dem 1. FC Magdeburg den 1. Saisonsieg. ©Imago images/Christian Schroedter

Als die Co-Produktion mit geballter Ladung jugendlicher Frische nach einer halben Stunde Spielzeit in die 1:0-Führung des 1.FC Magdeburg gemündet war, nahm Thomas Hoßmang an der Seitenlinie sofort das Tempo des Spiels auf und startete mit flinken Füßen einen beeindruckenden Freudentanz.

Der Hoßmang-Dance wollte schier kein Ende finden und erfolgte in einem so forschen Sidestep, dass die 54 Lebensjahre, die der Magdeburger Fußball-Lehrer im nächsten Monat fertigstellt, ihm nicht im geringsten anzumerken waren.

Doch die Begeisterung des Trainers an der Rampe für das soeben Erlebte, machte deutlich, wieviel Risiko in die aktuelle Regie-Arbeit des Magdeburger Fußballs eingebaut war und wieviel Druck auf den Entscheidungen des Vorarbeiters an diesem Abend lasten musste. Mütze und Brille hielten in der Ekstase trotzdem ihre Position, doch mit der rechten Faust verschaffte sich Hoßmang genauso auffällig Luft, wie dies einst Boris Becker nach besonders emotionalen Ereignissen zu tun pflegte.

Was Boris einst mit seiner Becker-Faust bei den größten Tennis-Turnieren der Welt demonstrieren konnte, wird nun in Magdeburg mit der Hoßmang-Faust wiedergespiegelt: Emotionen, Siegeswille, Selbstvertrauen.

Verzicht auf Erfahrung von über 40 Jahren Profifußball

Denn der 1.FC Magdeburg ist nicht mit dem üblichen Stammpersonal an die Arbeit gegangen: Diesmal freiwillig ohne Christian Beck, ohne Sören Bertram, ohne Alexander Bittroff und bis zur Schlussphase auch ohne Jürgen Gjasula. Diese Entscheidung ist umso gravierender und erstaunlicher zugleich, da mit Dustin Bomheuer und Timo Perthel obendrein zwei knieoperierte Routiniers ohnehin lange Zeit nicht zur Verfügung stehen.

Das macht einen frei bestimmten Verzicht auf Erfahrung von über 40 Jahren Profifußball und rund 1500 Spielen aus. Bei Spielern jenseits der 30 kommt viel Vergangenheit zusammen.

Doch nach zuletzt recht dürftigen und erfolglosen Auftritten des FCM sind Referenzen kein Schutz vor Gegenmaßnahmen mehr. In einer Zeit, in der Spielgeschwindigkeit und Spielintensität der 3. Liga die körperlichen Belastbarkeiten der Aktiven viel häufiger als früher überstrapazieren, lautet die Frage nun: Wieviel Gegenwart und wieviel Zukunft kann eine Ü30-Gruppe in einem Ligakader noch realisieren?

So war der 1.FC Magdeburg an diesem wohl gelungensten Magdeburger Fußball-Abend des Jahres 2020 stattdessen mit einer Mannschaft aktiv, die aufgrund ihrer geringen Erfahrungen auf den ersten Blick wie eine Auswahl von Fußball-Azubis wirken könnte und deren Auftritt beim MDR in seiner Reportage süffisant als „Jugend forscht“ bezeichnet worden ist.

über seinen langjährigen Co-Trainer
„ Thomas Hoßmang spricht die Sprache der Jugend. ”
Petrik Sander

Als Thomas Hoßmang in den letzten Mai-Tagen seinen Schreibtisch im Nachwuchsleistungs-Zentrum räumte, um den neuen Auftrag anzunehmen, dem 1.FC Magdeburg die 3. Liga zu erhalten, führte Liga-Drei.de ein Gespräch mit Petrik Sander.

Thomas Hoßmang und Petrik Sander

Weggefährten: Thomas Hoßmang (l.) und Petrik Sander. ©Imago images/Picture Point

Sander skizzierte seinen ehemaligen, langjährigen Assistenten, mit dem er einst gemeinsam Energie Cottbus noch einmal in die Bundesliga gesteuert hatte, damals so: „Mit seiner großen Erfahrung im Nachwuchsbereich spricht Hoßmang die Sprache der Jugend. Damit wird er auch den Profis in Magdeburg zu Erfolgen verhelfen. Thomas mag Verantwortung und liebt vor allem Siege.“

Was gemeint damit war, ist vielleicht erstmals nachhaltig erkennbar: Hoßmang hat einen guten Draht zu jungen Leuten. Er ist bereit, den 20jährigen zu vertrauen, wenngleich die Zeiten gerade insgesamt knifflig sind. Denn Hoßmang weiß aus eigener täglicher Ausbildungsarbeit mit ihnen, womit junge Kicker punkten und im besten Fall begeistern können: Mit Tempo, Feuer, Gier und Begeisterung.

Anweisung vor dem Spiel gegen Türkgücü München
„ Aggressiv sein, Zweikämpfe gewinnen, schwere Wege gehen. ”
Thomas Hoßmang

Gegen den zuvor zwar unbesiegten, doch eher mit fußballerischen Tugenden auffällig gewordenen Liga-Aufsteiger Türkgücü München gab Hoßmang seinen jungen Spielern diesen Befehl: „Aggressiv sein. Viele Zweikämpfe gewinnen. Hohe Bereitschaft zeigen, schwere Wege zu gehen.“

Andreas Müller ist zum Beispiel erst 20. Kommt aus der Regionalliga Südwest. War erstmals daheim in der Magdeburger Start-Elf und sogleich derjenige, der seinen Chef zum Tanzen brachte, indem er dieses 1:0 erzielte.

Maximilian Franzke ist nur ein Jahr älter und seit 14 Tagen in Magdeburg an Bord. Auch Franzke stand erst zum zweiten Male im Team. Nun war er geistesgegenwärtig in Müllers Flugball hineingesprungen und dabei so geschickt als Störenfried aktiv, dass Müllers Flugball von halblinks vorbei am Münchner Torwart im hinteren Toreck einschlagen konnte.

Wir könnten auch über Adrian Malachowski schreiben, der erst 22 ist. Auch über den 19jährigen Julian Weigel, der diesmal nicht dabei war. Oder über Raphael Obermair, der 24 ist und aus Jena gekommen ist.

Alle diese jungen Leute vereint und stärkt seit dem Triumph über Türkgücü München eines: Sie wissen um einen Trainer, der bereit ist, ihnen zu vertrauen, ihnen Chancen zu geben und auf sie zu setzen.

Der MDR-Experte bei Sport im Osten
„ Der richtige Moment, um mit starkem Charakter Signale zu setzen. ”
Lutz Lindemann

Lutz Lindemann gilt als Experte von „Sport im Osten“, dem Fernseh-Flaggschiff des MDR, auch als Spezialist für die Bewertungen heikler Fußball-Themen. Er stellt Thomas Hoßmang für den Verzicht auf das Personal mit den großen Magdeburger Fußball-Namen und über die neue Risikobereitschaft eine Art Bestnoten-Zeugnis aus: „Ich freue mich sehr, dass seine mutigen Entscheidungen erfolgreich waren. Er hat erkannt, das jetzt der richtige Moment gekommen ist, um als Trainer mit starkem Charakter Signale zu setzen.“  

Wenn Thomas Hoßmang mit seinem geglückten Risikospiel „seine jungen Bengel“, wie er sie nennt, zu weiteren Glanzleistungen angestiftet haben könnte, würde dies freilich angesichts des bevorstehenden Fußball-Marathons, die diese 3. Liga nun einmal ist, nur 50 Prozent der vom Trainer erhofften Wirkung auf das große Ganze abdecken.

„Jetzt ist es wichtig für die Gemeinschaft, dass keiner hinten runterfällt. Denn wir brauchen alle. Das ist mein Credo. Wir brauchen alle in dieser langen Saison“, stellt Hoßmang im MDR-Interview klar.

Ehe neue Schieflagen entstehen und womöglich nicht mehr korrigierbar wären, ist Hoßmang also klug genug, um bei aller Freude über die neue Magdeburger Fußballfrische Spekulation um einen Generalverzicht aus der Welt zu schaffen: Auch in Magdeburg braucht weiterhin jung und alt.

Doch Hoßmangs aktuelles Fazit zeigt auch, welche Generation in Magdeburg aktuell die Nase vorn hat: „Ja, so wie diesmal könnte unser Magdeburger Spiel aussehen.“

Nun, die nächste Regie-Arbeit des Thomas Hoßmang folgt ohne Verschnaufen: Schon morgen Abend beim SC Verl.

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