Chapeau, Michael Schiele

Die besondere Leistung des 23. Spieltags

Autor: Luis Hagen Veröffentlicht: Dienstag, 11.02.2020 | 07:00

Michael Schiele jubelt bei den Würzburger Kickers

Eine geballte Ladung Freude entlud sich bei Michael Schiele nach dem Schlusspfiff. ©Imago images/foto2press

Gerade eben war ihm das geglückt, was 13 seiner Trainerkollegen in der 3. Liga zuvor nicht gelungen war.

Gerade eben hatten die TV-Kameras den in der Öffentlichkeit sich so selten frohgelaunt zeigenden Felix Magath auf der Tribüne der Würzburger Flyeralarm-Arena bei einem Ausbruch der Begeisterung festgehalten.

Und so durfte Michael Schiele nun schließlich öffentlich seine Erklärungen präsentieren, mit denen es ihm gelungen ist, seine Würzburger Kickers in einen derart beeindruckenden Auftritt zu steuern.

Viele andere seiner Kollegen hätten in diesem Moment die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und ihre  Maßnahmen nachdrücklich beim Namen genannt. Hätten deutlich gemacht, wie großartig diese und jene Überlegung des Trainers an dieser und jener Stelle des Geschehens erfolgreich umgesetzt worden sei.

„ Zu hundert Prozent Anti-Hollywood. ”
Stefan Ruthenbeck über Schiele

Doch bei Michael Schiele hört die Öffentlichkeit des Fußballs in solchen Momenten nichts von alledem. Denn Schiele betritt niemals den Jahrmarkt der Eitelkeiten. Er nimmt sich zurück, wo sich andere längst in den Mittelpunkt rücken. Er hält sich bescheiden im Hintergrund, wo andere längst bewusst die Rampenlichter der Bühnen auszufüllen pflegen.

„Michael Schiele ist zu hundert Prozent Anti-Hollywood“, bemerkt der Fußball-Lehrer Stefan Ruthenbeck und bringt auf diese Weise die Haltung seines langjährigen Weggefährten plakativ auf den Punkt.

Denn wenn es so gut läuft, wie dies gerade der Fall ist, lässt Michael Schiele lieber andere Personen über sich und seine Arbeit sprechen. Wer Bescheidenheit, Bodenständigkeit und Demut als Grundwerte einer starken Kultur des Miteinanders so überzeugend verkörpert wie Schiele, der hat kein Interesse an öffentlicher Meinungspflege, an Aufklärungsarbeit zum Eigennutz oder an gar an einen Werbefeldzug in eigener Sache.

Das was anderen auffällt in solchen Stunden, genügt einen wie Michael Schiele allemal. So titelt die Main-Post nach dem 3:1 über den Aufstiegsfavoriten aus Ingolstadt dies: „Die neuen Stärken der Würzburger Kickers.“ Und die Süddeutsche Zeitung geht gar noch einen weiteren Schritt auf Michael Schiele zu, indem sie diese Schlagzeile wählt: „Bemerkenswert abgezockt“.

Spieler geholt, deren Karriere ruckelte

Ja, diese Würzburger Kickers des Fußballjahres 2020 haben sich den FC ngolstadt erst ausgeguckt, sich ihn dann zurechtgelegt und ihn schließlich ausgespielt. Es war der Triumph des Fußballs voller Herzblut über den Fußball des Kalküls und der Last des Kopfes. Mit viel Tempo, viel Antrieb, viel Pressen und mit Spielern, denen anzumerken ist, dass sie ihren Trainer schätzen und ihn mögen.

In Würzburg sieht die 3. Liga viele Spieler bei der Arbeit, die wissen, dass sie ihrem Trainer etwas schuldig sind. Denn Michael Schiele gilt als ein Trainer, der zwar die Leistungsbereitschaft seiner Spieler einfordert wie andere auch, doch der bei alledem sichtbarer und spürbarer die soziale Sichtweise in den Mittelpunkt stellt.

So zieht er jene Spieler auffällig zahlreich in seinen Bann, deren Karrieren ins Ruckeln geraten sind und gar einen Knacks erlitten: Ob Kaufmann, Rhein, Herrmann, Hemmerich, Baumann oder Breunig – sie alle sind auf ihrem Weg aus verschiedenen Gründen eine Zeitlang ein Stückweit aus der Kurve getragen worden und finden nun mit der besonderen Achtsamkeit ihres Trainer zurück in eine hoffnungsvolle Existenz als Profifußballer.

„ Ein besonderer Mensch und ein guter Trainer. ”
Wieso Ruthenbeck so gerne mit Schiele arbeitete

„Michael Schiele ist ein besonderer Mensch und obendrein einfach ein richtig guter Trainer“, stellt an dieser Stelle nochmals Stefan Ruthenbeck klar. Der ist aktuell beim 1.FC Köln mit den U19-Junioren erfolgreich.

2012 lernten sie sich beim VfR Aalen kennen:  Ruthenbeck heuerte zunächst als Leiter des Fußballnachwuchs an. Schiele indes, obwohl aus Heidenheim und somit aus der Nachbarschaft des großen Rivalen stammend, war längst eine Art Institution in Aalen: Mit 257 Ligaeinsätzen als Rechtsverteidiger, dann als Leiter des Scoutings sowie als Co-Trainer von Ralph Hasenhüttl.

Als den ein Virus einige Wochen außer Gefecht setzte, half Ruthenbeck aus. So lernte er Michael Schiele kennen und schnell schätzen. Als Hasenhüttl zur folgenden Spielzeit nach Ingolstadt wechselte, war dies die Geburt des Trainergespanns Ruthenbeck/Schiele in der 2. Bundesliga: Zuerst 73 Spiele beim VfR Aalen, danach 50 Spiele bei der SpVgg Greuther Fürth.

Michael Schiele und Stefan Ruthenbeck

Zwei Denker auf der Trainerbank: Michael Schiele (l.) und Stefan Ruthenbeck bei der SpVgg Greuther Fürth. ©Imago images/De Fodi

Besonders erstaunlich bleibt diese Begebenheit: Obwohl Ruthenbeck und Schiele im Frühsommer 2015 den Abstieg aus der 2. Bundesliga nicht verhindern konnten, kämpfte der Verein wochenlang um den Verbleib seiner Trainer in Aalen. Doch vergebens, denn parallel lockte weiterhin die 2. Bundesliga in der Person der Fürther Führungskräfte Meichelbeck und Mutzel.

Dass es Michael Schiele glückte, die stabilen Ingolstädter erstmals nach 13 Spielen ohne Niederlage aufs Kreuz zu legen, überrascht den Intimkenner des Würzburger Trainers keineswegs: „Michael ist in der Lage, jederzeit besonders pfiffig um die Ecke zu denken“, meint Ruthenbeck und erinnert sich rückblickend an zahlreiche bereichernde Impulse seines früheren Assistenten.

Als Spieler Terrier, Kämpfer und Dampfmacher

Oftmals trafen sie sich als Gesinnungsbrüder beim gemeinsamen Fitnessprogramm und bei gemeinsamen Dauerläufen.  „Da war ich chancenlos, da musste ich Michael immer bremsen, andernfalls hätte ich den Anschluss verpasst“, erinnert sich Ruthenbeck. Und so macht er gleichzeitig deutlich, wofür Schiele als aktiver Spieler stand: Er war stets bissig. Ein Terrier, Sprinter, Kämpfer und  Dampfmacher.    

Jetzt als Trainer verzichtet Schiele in jedweder Form darauf, Dampf zu produzieren, um seine Fähigkeiten besonders herauszustellen. Obwohl mindestens ein treffender Grund dafür durchaus existent ist.

Denn es lastet ein großes Fragezeichen über dem „Dalle“, wie die Würzburger ihr Stadion liebevoll nostalgisch immer noch gern nennen: Allen Ankündigungen zum Trotz haben die Würzburger Kickers den Arbeitsvertrag mit ihrem Cheftrainer immer noch nicht verlängert.

Seit Felix Magath als Berater des Hauptsponsors zu den Stammgästen zählt, existiert das Gerücht, dass Magath alsbald mit einer eigenen Traineridee um die Ecke käme. So ein Gerücht ist ja wie ein Ei: Wenn es erst einmal ausgebrütet ist, bekommt es Flügel.

Sich auf den Märkten der Branche vorsorglich vorteilhaft zu präsentieren, wäre somit ein verständlicher Schachzug des Michael Schiele.

Anderseits: Ausgerechnet dessen Fähigkeiten nicht weiterhin nutzen zu wollen, wäre ein unnötiger Eingriff in einen vielversprechenden Entwicklungsprozess einer intakt erscheinenden Mannschaft.

Und: Somit gar wohl ein extrem großes sportliches Risiko für die Kickers …

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