Oliver Zapel: Casino Royale

Zockerei auf dem Transfermarkt

Bernd Nehrig (l.) in der Partie gegen Hansa.

Braunschweig ging im Winter All-in und holte neben Bernd Nehrig (l.) acht weitere Spieler. ©Imago/Hübner

Letzten Donnerstag war es wieder soweit. Deadline-Day. Überall in Deutschland, der Nation mit der größten Spielervermittler-Dichte weltweit, war Soccer-Zocker-Feiertag. Während auf Klub-Seite die Köpfe der Budget-Verwalter qualmten, warfen die Berater ein letztes Mal in der Winter-Transferperiode ihre Ware auf den Tisch.

„Wollt Ihr ihn nun, oder etwa nicht? Also, die anderen haben jedenfalls großes Interesse!“ Die Telefone glühten. Oft war ein Spieler schon kurz vor dem Ortsschild von Verein X. Dann hieß es plötzlich: umkehren! Du kickst ab morgen doch für Klub Y. Der mittlerweile (leider) zur Gewohnheit gewordene Wahnsinn!

Die Einsätze, bitte!

Faites vos jeux! Die 3. Liga als Casino Royale. Während einige Vereine aus Mangel an Spielgeld (Münster, Kaiserslautern) oder Notwendigkeit (Unterhaching) erst gar nicht am Roulette-Tisch saßen, gingen andere All-in (Braunschweig). Wiederum andere tauschten ihre Einsätze untereinander oder pokerten am Zweitliga-Tisch. Der Kitzel, auf die richtige Zahl zu setzen und den Hauptgewinn zu landen, war da!

Dabei wissen wir doch alle: Am Ende gewinnt eigentlich nur die Bank. Beziehungsweise die, die das Spiel organisieren. Oder aber Glückspilze. Manchmal aber auch schlaue Statistiker und Detailanalysten, die die Tendenzen im Vorwege abgecheckt und Chancen und Risiken in Relation gesetzt haben.

Die High-Roller

Womit wir beim augenscheinlichen Top-Zocker gelandet sind. Schon im Sommer verblüffte uns Benjamin Schmedes mit seinem goldenen Händchen bei der Kaderzusammenstellung, der Basis für den Höhenflug des VfL Osnabrück. Und nun schlug er wieder eiskalt zu und schnappte sich per Leihe die Perle Benjamin Girth aus Kiel.

War ja irgendwie klar, dass genau dieser Girth es sofort krachen ließ. Er war gegen Meppen und bei 1860 der Unterschiedsspieler, erzielte alle drei Tore und sicherte seinem neuen Team damit (trotz eigentlich eher durchwachsener Leistung) sechs Punkte und einen Traumstart in den Aufstiegs-Countdown.

Benjamin Girth in Aktion.

Starker Transfer des VfL Osnabrück: Benjamin Girth kam per Leihe aus Kiel. ©Imago/Werner Scholz

Auch Eintracht Braunschweig muss einen guten Analysten und Ideengeber gehabt haben! Und natürlich ein prall gefülltes Portemonnaie. Gestandene Schlüsselspieler aus dem oberen Regal bilden die neue stabile Achse und sorgen für die Wende. Zwar ist rein fußballerisch immer noch viel Luft nach oben, aber das Selbstverständnis („Wir sind Eintracht!“) ist zurück. Und extrem wichtige Spiele werden gewonnen. Es passt ins Bild, dass auch bei der Eintracht sämtliche Treffer durch Neuzugänge erzielt wurden (Kessel, Feigenspan, Nehrig).

Der frühe Vogel fängt den Wurm

Erfolg ist also doch planbar! Zumindest, wenn man rechtzeitig damit beginnt. Profifußball ist ein schnelllebiges und hektisches Geschäft, bei dem ein begleitendes Controlling unabdingbar ist. Schon alleine deshalb müsste eigentlich jede sportliche Leitung auf Knopfdruck einen tagesaktuellen Businessplan präsentieren können. Einen Soll/Ist-Vergleich, bei dem auch Bedarf und Bedürfnisse ständig aktualisiert werden.

Vor diesem Hintergrund erscheint es dann allerdings schon fragwürdig, weshalb bei einigen Vereinen die Analysen anscheinend erst zum Ende des Kalenderjahres – gefühlt „zwischen den Tagen“ –  stattgefunden und die Personal-Akquisen erst im Januar begonnen haben.

Klar, das theoretische Know-how über das angepeilte Spieler-/Trainerprofil bedeutet nicht, dass man den gewünschten Typus in der Praxis auch innerhalb des definierten Budgets sofort findet. Dennoch zählt jede Stunde. Je eher man Vollzug melden kann, desto besser.

Ausverkauf am 31. Januar

Wer zu spät kommt, den bestraft der Deadline-Day. Insgesamt hat der 31. Januar den Charme eine Grabbeltisches. Last-Minute-Hektik führt nicht selten zu Panik-Käufen. Auch in der 3. Liga hieß es in den letzten Stunden bis zum finalen Gongschlag satte 28 Mal „zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten und veeerkauffft!“.

Insgesamt erhielten in der Wintertransferperiode 58 Spieler ein neues Drittligatrikot. Das sind immerhin 16 Transfers mehr als im letzten Jahr (was wohl an der grassierenden Abstiegsangst liegt). 66 Akteure wurden abgegeben. Mit der Hälfte der Wechsel wurde also bis zum letzten Tag gewartet.

Die Gefahr bei Last-Minute-Transfers

Eigentlich total unverständlich. Denn mit jedem Tag, an dem die neuen Spieler sich nicht in ihrer neuen Heimat akklimatisieren konnten, wächst auch das Risiko, dass die erhofften Impulse ausbleiben. Der Großteil aller Neuverpflichtungen war beispielsweise gar nicht mit in den Trainingscamps.

Ist von Nachverpflichtungen im Winter nicht restlos überzeugt: LIga-Drei.de-Kolumnist Oliver Zapel. ©Imago/Hartenfelser

Da dort allerdings laut Aussage der Übungsleiter die taktischen Feinschliffe einstudiert und körperlichen Grundlagen gelegt werden sollten, fragt man sich schon, wie ein Kompensations-Crashkurs im Nachgang für die Neuen denn aussehen könnte. Außerdem – und das ist schon fast skurril – begann der 21. Spieltag ja bereits am 25. Januar. Diverse Mannschaften, für die es Spiel für Spiel um alles geht, konnten da noch gar nicht auf ihre neuen, noch nicht einmal anwesenden Hoffnungsträger bauen!

In den prekären Situationen, in denen sich ein Großteil der Teams befindet, muss ein neuer Spieler idealerweise SOFORT funktionieren. Umzug, möglicherweise eine Trennung von Familie und sozialem Umfeld, das Verinnerlichen neuer Spielprinzipien und den Umgang mit Stress und Druck – das alles dürfen keine Hinderungsgründe sein.

Sind Winter-Transfers tatsächlich Verstärkungen?

Die Erwartungshaltung der Mannschaft (besonders die der Spieler, deren Stammplatz möglicherweise in Gefahr gerät), der Fans und des Umfeldes sind groß. Sportdirektoren und Trainer werden daran gemessen, ob die Nachjustierung und die vor der Saison nicht eingeplanten Ausgaben passen oder nicht. Oft hängt besonders das Schicksal der Coaches, denen möglicherweise ein „letzter Wunsch“ erfüllt wurde, am seidenen Newcomer-Faden. Der Schuss muss also sitzen!

Nur, mit was für wechselwilligen Spielertypen haben wir es denn normalerweis im Winter zu tun? Sind das nicht oft Jungs, denen Selbstvertrauen, Rhythmus und Fitness mangels fehlender Spielzeiten bei ihren ehemaligen Arbeitgebern, bei denen sie aufs Abstellgleis gestellt wurden, fehlen? Erwarten wir von ihnen wirklich ernsthaft, dass sie uns zum Klassenerhalt ballern?

Nichts geht mehr!

Da muss schon jedes Rädchen ineinander greifen. Nur die wenigsten Clubs können sich echte Top-Spieler wie Adriano Grimaldi oder Bernd Nehrig gegen Zahlung von unproportional hohen Ablösesummen leisten. Auch bei den zumindest aus finanziellen Gründen beliebten Leihgeschäften („Personal Leasing“) sowie Kurzzeitanstellungen drückt ab und an der Schuh.

100% Identifikation mit dem Verein und seinen Zielen kann man wohl von Spielern, die sich (oft gegen ihren Willen und auf Initiative ihrer Berater) für ein paar Monate ins Schaufenster setzen, nicht erwarten.

Egal, denn jetzt rollt die Kugel endlich wieder. So richtig sinnvoll erscheint das Personal-Roulette bei einem Blick auf die nackten Fakten nicht. Am letzten Wochenende standen in Summe lediglich 21 Neuverpflichtungen in der Startelf, neun wurden eingewechselt. Die Woche davor waren es zwölf Starter und neun Einwechsler. Da verstehe mal einer den ganzen D-Day-Hype. Rien ne va plus, Freunde!

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