Würzburger Kickers: „Enes Küc braucht seine Freiheit“

Sein Ex-Trainer Markus Zschiesche im Interview

Enes Küc absolvierte für Würzburg bislang sieben Partien in der 3. Liga.

Braucht noch etwas Zeit, um in der 3. Liga anzukommen: Enes Küc (r.). ©Imago/foto2press

Mit der Empfehlung von 13 Saisontoren für den Berliner AK wagte Enes Küc im Sommer den Sprung aus der Regional- in die 3. Liga. Bei den Würzburger Kickers scheint der 22-Jährige aber noch nicht vollends angekommen zu sein. Der gebürtige Berliner kam erst in sieben Spielen zum Einsatz, nur ein Mal stand er in der Startelf.

Mit seinem ehemaligen Trainer beim BAK, Markus Zschiesche, sprachen wir über dessen Torjägerqualitäten, wie er mit seiner Reservistenrolle in Würzburg umgeht und welchen Einfluss seine Kindheit in Berlin Wedding auf Küc hat.

Herr Zschiesche, im letzten Jahr führten Sie den Berliner AK entgegen aller Prognosen auf den dritten Rang in der Regionalliga Nordost. Warum sind Sie jetzt nicht mehr beim BAK?
Markus Zschiesche: „Es wurde bekannt, dass der Meister der Regionalliga Nordost im kommenden Jahr direkt aufsteigen darf. Wenn das gelingen würde, bräuchte man also für die 3. Liga einen Trainer mit Fußball-Lehrer-Lizenz und müsste dann nach einem möglichen Aufstieg einen neuen suchen. Da ich die Lizenz zu diesem Zeitpunkt nicht hatte, wurde dann Ersan Parlatan geholt, der sie schon hatte.“

Sie machen aber ja jetzt den Fußball-Lehrer. Welche Ziele haben Sie sich für die Zukunft gesteckt?
Zschiesche: „Wenn man den Fußball-Lehrer macht, hat man natürlich das Ziel, im professionellen Bereich zu arbeiten. Mit dem Erwerb der Lizenz hat man erstmal alle Voraussetzungen dafür geschaffen. Was dann weiter kommt, wird man sehen. Ich habe nur das Ziel, im professionellen Bereich tätig zu sein, das kann aber auch in der Jugend sein.“

Wo würden Sie sagen, liegen Ihre Stärken als Trainer?
Zschiesche: „Über sich selbst zu urteilen, ist immer schwer (schmunzelt). Ich glaube, ich erreiche Mannschaften gut, habe eine gute Ansprache an die Mannschaft. Daneben kann ich meine taktischen und spielerischen Ideen gut rüberbringen. Das ist auch einer der Gründe, warum es letztes Jahr so gut geklappt hat.“

Sie waren wie junge Pferde, die aus dem Stall wollten. (über seine Mannschaft beim BAK)

Welchen Spielstil bevorzugen Sie denn?
Zschiesche: „Interessanterweise sitze ich gerade an einer Hausarbeit, in der ich meine Spielphilosophie erklären muss. Grob gesagt lasse ich gerne hoch verteidigen, hohes Pressing, hohes Anlaufen. Nach vorne spiele ich am liebsten einen frischen, aggressiven Fußball, mit vielen Torchancen, wie man sich den Fußball eben wünscht. Aber gerade das ist das Schwerste: Lösungen nach vorne zu finden und Chancen herausarbeiten. Auf jeden Fall ist es schwerer, als sich defensiv aufzustellen und zu verschieben.“

Beim BAK hatte Sie sehr viele junge Spieler, einen fast komplett neuen Kader. Wie haben Sie diese Truppe zu einer erfolgreichen Einheit geformt?
Zschiesche: „Das hat genau so funktioniert. Wichtig war, den Jungs mit Respekt auf Augenhöhe zu begegnen und ihnen die eigene Vision vorzuleben und mitzuteilen, sie aber trotzdem teilhaben zu lassen. Es war zum Beispiel so, dass ich erstmal mit der Mannschaft aus einer geordneten Defensive schnell umschalten wollte.

Man hat dann aber gemerkt, dass sie zu ungeduldig waren für diese Herangehensweise. Wir haben also gesehen, dass wir das mit der Mannschaft nicht spielen können, sondern pressen müssen. Sie waren wie junge Pferde, die aus dem Stall wollten. Die Kraft war da, die Lust war, den Ball zu haben und deswegen haben wir das geändert.“

Er braucht seine Freiheit, was die Kreativität im Angriff angeht. (über Enes Küc)

Einer der Neuzugänge war Enes Küc. Wie sind Sie auf ihn aufmerksam geworden?
Zschiesche: „Wenn man Trainer wird, ist ja klar, dass einem viele Spieler angeboten werden und man Vorschläge bekommt. Er war auch dabei. Damals war beim HSV II. Weil er Berliner ist und früher bei Tasmania war, wollte er wieder zurück nach Berlin zu seiner Familie. Ich habe mir dann den Lebenslauf angeschaut.

Ich habe dann gesagt, er soll mal vorbeikommen, damit er sich alles ansehen kann und ich ihn sehen kann. Gleich am ersten Tag, habe ich gesagt, das ist ein Spieler, wie ich ihn mir vorstelle. Am zweiten oder dritten Tag hat er dann unterschrieben. So habe ich mir Schritt für Schritt die Mannschaft zusammengestellt.“

Nachdem er zuvor nie übermäßig viele Tore gemacht hatte, traf er unter Ihnen 13 Mal. Wie haben Sie ihn als offensiven Mittelfeldspieler zu einem Torjäger gemacht?
Zschiesche: „In erster Linie ist er ein Spieler, der seine Freiheit braucht, was die Kreativität im Angriff angeht. Manchmal hält er vielleicht zu lange den Ball, aber da muss man ihn auch lassen. Wenn man so einen Spieler in eine Form zwängen will und ihm die Freiheit nicht lässt, kann er seine Leistung nicht bringen.

Er ist auch ein Spieler, der Vertrauen vom Trainer braucht und eine gewisse Sicherheit. Wenn er die hat, dann bekommt er seinen Lauf. Das habe ich sofort erkannt. Manchmal hat er einen oder zwei zu viel aussteigen lassen und zu spät den Pass gespielt.

Ich bin aber nicht gleich reingegangen und habe gesagt: Spiel doch gleich den ersten, sondern habe es erstmal gelassen und später im Einzelgespräch mit ihm gearbeitet. So habe ich es aber mit allen Spielern gemacht. Jeder Spieler muss individuell behandelt werden, man kann nicht alle über einen Kamm scheren.“

Ich hätte mir mehr Risiko von ihm gewünscht. (über Küc' Startelfdebüt gegen Fortuna Köln)

Nach einer überragenden Saison ging er dann zu den Würzburger Kickers. Wie gut können Sie neben dem Lehrgang Ihre alten Schützlinge verfolgen?
Zschiesche: „Eher selten. Aber man hat schon noch immer ein Auge drauf, denn wir waren schon so eine Einheit geworden aus Trainerteam und Mannschaft. Letztens war ich zum Beispiel Viktoria gegen BAK gucken und da waren noch einige aus der letzten Saison, die auch zugeschaut haben.“

Enes Küc tut sich noch schwer in der 3. Liga. Woran liegt das?
Zschiesche: „Aus der Entfernung ist das sehr schwer. Ich halte ihn mindestens für einen Drittliga-Spieler, eigentlich sogar mehr. Aber jeder, der mit ihm arbeitet, muss wissen, was seine Stärken und Schwächen sind. Ich kann aber nicht beurteilen, wie gut er ist im Bezug auf die anderen Spieler im Kader.

Deswegen kann ich generell nicht sagen, woran es liegt. Ich habe ihn gegen Fortuna Köln gesehen, als er von Anfang an gespielt hat. Ich finde, er war auffällig, aber beim BAK hat er sich noch mehr gezeigt, wollte mehr Bälle haben und hat sich mehr bewegt.

Markus Zschiesche führte den Berliner AK in der vergangenen Saison auf Platz drei.

Unter Markus Zschiesche lief Enes Küc 33 Mal in der Regionalliga auf, 31 Mal davon in der Startelf. ©Imago/Picture Point

Aber es ist normal, wenn man zum ersten Mal von Anfang spielt, nicht zu viel Risiko eingehen zu wollen. Ich hätte mir an diesem Tag aber mehr Risiko von ihm gewünscht. Aber das A und O ist die tägliche Trainingsarbeit und die kann nur der Trainer beurteilen, der ihn jeden Tag sieht.“

Auf der Zehn oder Acht ist er am stärksten. (über Küc' Paradeposition)

Die Kickers spielen ein flaches 4-4-2. Wo wäre denn für Enes Küc Platz in dieser Formation?
Zschiesche: „Vielleicht auf der Außenbahn, aber das ist nicht seine absolute Stärke. Ich habe ihn als Zehner oder Achter eingesetzt. Mittelfeld kann er auch, aber es müsste dann ein klarer Sechser da sein, während er den offensiveren Part spielt. Von zwei Stürmern wäre er für mich die eher hängende Spitze, weil er mit seinem Tempo, das er auch mit Ball hat, den Platz braucht. Wenn er von hinten kommt, bringt er den Schwung mit und setzt dann sehr gut seine Mitspieler ein. Deswegen finde ich ihn im Mittelfeld auf der Zehn oder Acht am stärksten.“

Was glauben Sie, wie er mit der Reservistenrolle umgeht?
Zschiesche: „Bei uns hat er so gut eingeschlagen, dass er fast nie Reservist war. Es kam mal vor, dass er nicht von Anfang an gespielt hat, wenn die Mannschaft zum Beispiel ohne ihn gewonnen hatte, als er mal gesperrt war. Dann ändert man das als Trainer nicht gleich. Dann war er zwar sauer, wie jeder Spieler, der nicht von Anfang an spielt, hat es aber akzeptiert.

Jetzt in der 3. Liga, wo er komplettere Fußballer um sich hat, glaube ich, rechnet er schon damit, dass er mal auf der Bank sitzt. Ich glaube nicht, dass er dann eingeschnappt ist. Ich denke aber, dass er sich sein erstes Spiel von Beginn an früher gewünscht hätte.

Würzburg hatte ja vier Niederlagen hintereinander, dabei aber die Mannschaft nicht groß verändert, da hat er sich wahrscheinlich gewünscht, schon vorher zum Zug zu kommen. An sich glaube ich aber, er nimmt es nicht so schwer, dass er momentan nicht von Anfang spielt. Auf Dauer wird das aber nicht so sein, wie bei jedem Spieler.“

Man muss sich in so einem Bezirk mehr durchbeißen. (über den Berliner Stadtteil Wedding)

Spätestens seit den Boateng-Brüdern weiß jeder, dass Berlin ein großer Talent-Pool ist. Prägt die Stadt auch einen bestimmten Charakter-Typ, der sich durchsetzt?
Zschiesche: „Ich bin so ein bisschen aufgewachsen mit Kevin und George, den älteren Boateng-Brüdern. Wir kommen aus dem Stadtteil Wedding, aus dem auch Niko Kovac kommt. Ich glaube, dass man sich in so einem Bezirk mehr durchbeißen muss, und viel alleine unterwegs ist.

Man muss alleine mit der U-Bahn zum Training fahren, weil die Eltern nicht können oder die Stadt zu voll ist, ist im Dunkeln unterwegs. In dem Bezirk muss man sich auch auf der Straße mit den Ellbogen durchsetzen können. Das macht den Unterschied aus zu Spielern, die aus den Nachwuchsleistungszentren kommen. Dort werden sie geschützt, was auch gut ist.

Aber es prägt den Charakter, dass man in dieser Stadt noch einen Tick mehr kämpfen muss, um sein Ziel zu erreichen, und das auf dem Platz auch rüberbringt. Enes Küc kommt aus Neukölln, das ist auch so ein Stadtteil. Er ist ein Straßenfußballler, musste sich auch gegen Ältere durchsetzen. Das macht schon einen Unterschied.“

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Zschiesche!

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