Wehen Wiesbaden: „Kofi Kyereh war nicht effektiv.“

Interview mit Havelses Ex-Trainer Christian Benbennek

Kofi Kyereh vom SV Wehen Wiesbaden

Daniel-Kofi Kyereh erzielte schon neun Tore in seiner ersten Drittliga-Saison. ©Imago/Jan Huebner

Christian Benbennek war als Trainer bei mehreren Klubs in der Regionalliga und bei Babelsberg 03 in der 3. Liga, coachte außerdem den SV Ried in der österreichischen Bundesliga. Er trainierte Daniel-Kofi Kyereh beim TSV Havelse in den Spielzeiten 2014/15 und 2017/18 und kennt ihn so gut wie kaum ein anderer. Wie der Angreifer des SV Wehen Wiesbaden zu dem brandgefährlichen Torjäger wurde, der er jetzt in der 3. Liga ist, und was auf diesem Weg die Herausforderungen waren, erzählt der 46-Jährige im Gespräch mit Liga-Drei.de.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Interviews war zu lesen, dass Daniel-Kofi Kyereh zwei Kreuzbandrisse hatte. Dies war eine Fehlinformation, er hatte nur einen Kreuzbandriss.

Herr Benbennek, Sie haben Daniel-Kofi Kyereh 2014 bei Havelse in die erste Mannschaft geholt. Warum?
Christian Benbennek: „Er kam damals aus der U19 von Wolfsburg, wo er nach einem Kreuzbandriss nicht übernommen worden war. Irgendwann ist er mit einem Freund in unserer A-Jugend aufgeschlagen. Da habe ich ihn dann gesehen. Es war dann ziemlich schnell klar, dass der Junge oben spielen muss.“

Er machte vier Spiele, bei denen er zwei Tore und eine Vorlage erzielte. Warum kam er nicht auf mehr Einsätze?
Benbennek: „Kofi fehlte noch die wirkliche Grundfitness, um sich nicht zu verletzen. Er hatte ein Wahnsinnstalent, aber war nicht austrainiert. So hatte er immer wieder Kleinigkeiten, hat sehr viel in sich reingehört. 

Als ich zu Alemannia Aachen gegangen bin, haben wir uns noch getroffen und besprochen, dass er die Reha wie das Training angehen und fünf, sechs Stunden am Tag investieren muss. Wir sind in Kontakt geblieben und als ich 2017 zurückgekommen bin, war das ein komplett anderer Kofi.“

Kofi hatte ein Wahnsinnstalent, aber war nicht austrainiert. (über seine erste Begegnung mit Kofi Kyereh)

Wie hatte er sich in Ihrer Abwesenheit entwickelt?
Benbennek: „Er war sehr fleißig, sehr zielstrebig, aber er war noch nicht effektiv. Er war ein Riesenfußballer, jeder hat sofort gesehen: Das, was er kann, können nur ganz Wenige. Es war die Frage, warum so wenig Tore, Vorlagen und Punkte herauskommen. 

Er wusste eigentlich auch immer, dass er nicht effektiv war, es war alles mehr für die Galerie. Es macht ihm unglaublich viel Spaß mit dem Ball zu spielen. Er musste aber eine Richtung haben, ohne ihm die Kreativität zu nehmen. Ihm wurde klar, wenn der Sprung nach ganz oben gelingen soll, muss es jetzt passieren.

Es interessiert dann niemanden mehr, ob du gut kicken kannst, es zählen nur noch Tore. Und plötzlich hat er in der Rückrunde getroffen und macht ja jetzt auch so weiter bei Wehen Wiesbaden.“

Was waren die Gründe dafür, dass er dann mehr traf?
Benbennek: „Irgendwann hat er die ganzen Gespräche, die wir geführt haben, zu hundert Prozent umgesetzt. Wenn du der Beste sein willst, musst du eben mehr tun als die anderen. Plötzlich kamen die Spieler zum Training und Kofi war schon lange da, um sein Krafttraining zu machen.

Die anderen gingen nach dem Training, Kofi hat noch was gemacht. Er hatte das Talent, aber durch seinen eigenen Fleiß und Ehrgeiz hat er sich erst dorthin gebracht, wo er jetzt ist. Darüber freue ich mich sehr.“

Sein Eins-gegen-Eins haben nicht viele Spieler. (über Kyerehs Stärken)

Warum haben Sie entschieden, ihn vom Außen- zum Mittelstürmer zu machen?
Benbennek: „Wir haben ja gesagt, wir brauchen mehr Tore von ihm, und die meisten Tore schießt man, wenn man ganz vorne steht. Am Anfang war er eine falsche Neun, bis er es besser verstanden hatte. Sein Eins-gegen-Eins haben ja nicht viele Spieler. Doch am Anfang neigte er dazu, zu weit nach Außen zu gehen oder zu weit entgegen zu kommen, um sich die Bälle abzuholen. 

Aber er kann sich ja selbst nicht den Ball zuspielen, den er verwerten soll. Er musste erst die Geduld haben, vorne zu bleiben, sich Räume schaffen, Tiefe anzeigen, auch mal umsonst laufen und die Drecksarbeit machen. Er hat dann seine Chancen bekommen und sie genutzt.“

Christian Benbennek als Trainer beim TSV Havelse

Christian Benbennek war auch schon bei Alemannia Aachen und Eintracht Braunschweig tätig. ©Imago/Joachim Sielski

Mit elf Toren und sechs Vorlagen kam er dann in das Blickfeld der 3. Liga. Wird von den Klubs eigentlich zu sehr nur auf die Statistiken geschaut bei der Suche nach Talenten?
Benbennek: „Nein, ich glaube das passiert zu Recht. Egal ob Außenbahnspieler oder Stürmer, du brauchst in der 3. Liga effektive Spieler. Vielleicht gehen mal ein oder zwei Talente verloren, aber ich würde selbst auch darauf schauen, wenn ich in der 3. Liga oder 2. Bundesliga arbeiten würde. Man fragt sich ja, warum schießt ein Spieler keine Tore, warum bereitet er keine vor, obwohl er richtig gut sein soll?

Er kann am Ball alles, heißt es dann. Damit kann er aber nur im Zirkus auftreten. Es gibt aber Jungs, die brauchen nochmal ein bisschen, damit die Zündschnur angeht und es zum Durchbruch kommt. Es freut mich dann besonders bei charakterlich feinen Spielern. Kofi ist der liebste Mensch, den man sich vorstellen kann. Er spielt ein riesen erstes Drittliga-Jahr und ich bin davon überzeugt, dass er trotzdem noch viel Luft nach oben hat.“

Er hat noch viel Luft nach oben. (über Kyerehs Potential)

Bei Wehen Wiesbaden setzt er seinen Lauf fort, verbesserte sogar seine Torquote. Wie nehmen Sie sein Spiel in dieser Saison wahr?
Benbennek: „Sein Spielstil ist geblieben, er hat seine Zielstrebigkeit aber noch mehr ausgebaut. Er wirkt noch austrainierter. Es tut ihm gut, unter Profi-Bedingungen zu trainieren. Er ist auf einem guten Weg.“

Aktuell wartet er seit Ende Oktober auf ein Tor. Wie hilft man Daniel-Kofi Kyereh über Durststrecken hinweg?
Benbennek: „Die Fans fragen sich immer, was ist mit einem Spieler los, wenn er nicht trifft. Solche Offensiv- oder Kreativ-Spieler wie Kofi beschäftigen sich aber selbst am meisten damit. Sie wollen unbedingt, dass diese Flaute endet. Das ist die größte Gefahr. Er muss den Kopf frei haben und Spaß am Spiel haben.

Es hat ihm geholfen zu treffen, indem er gar nicht nachgedacht hat. Es ist bei allen Stürmern so, dass sie nicht verkopfen dürfen, sondern ihre Lockerheit behalten müssen.“

Regionalliga ist zu großen Teilen Feierabendfußball. (über die Situation in der vierten Liga)

Sie selbst sind seit November nicht mehr bei Havelse im Amt. Was sind Ihre nächsten Pläne?
Benbennek: „Ich bin nach der Zeit in der Österreichischen Bundesliga nur zurück zu Havelse, weil sie Hilfe brauchten und ich den Verein wirklich mag. In der Regionalliga sind die Vereine jedoch zu 90 Prozent Amateur-Vereine, es ist zu großen Teilen Feierabendfußball. Das ist nicht mein Anspruch. Ich möchte gerne professionell trainieren und mit einer Profi-Mannschaft arbeiten.

Es ist mein Ziel, einen Verein zu finden, der Ziele verfolgt und über die Mittel verfügt, sie zu erreichen. Wir hatten in Havelse immer das kleinste Budget, da kannst du nicht mithalten, wenn die anderen immer weiter aufrüsten. Auch das Niveau der U23-Mannschaften wird immer besser. Daher möchte ich unbedingt wieder im Profi-Bereich arbeiten.“

Sie trainierten ja unter anderem beim SV Ried so einige aktuelle Drittliga-Spieler (Orhan Ademi, Dennis Chessa, Özgür Özdemir). Verfolgen Sie die Liga dementsprechend intensiv?
Benbennek: „Ich versuche alle Ligen zu verfolgen. Gerade auf die Jungs, die man trainiert hat, schaut man öfter mal. Ich verfolge die 3. Liga aber vor allem intensiver, weil ich in dieser Liga arbeiten möchte und mich dementsprechend vorbereite.“

Herr Benbennek, vielen Dank für das Gespräch!

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