Marcus Piossek: „In Lotte wurde mir ins Gesicht gelogen“

Mittelfeldspieler spricht über seinen Ex-Klub

Marcus Piossek (r.) im Duell mit Toni Wachsmuth.

Wechselte mangels Perspektive von Lotte zum SV Meppen: Marcus Piossek (r.). ©Imago/Picture Point

Nach 29 Pflichtspielen im Dress der Sportfreunde Lotte landete Marcus Piossek auf dem Abstellgleis. Der 29-Jährige wurde nach der Hinrunde aus dem Kader gestrichen und freigestellt, wogegen er gerichtlich vorging und Recht bekam. Am letzten Tag der Transferphase wechselte er trotzdem zum SV Meppen.

Im exklusiven Interview mit Liga-Drei.de schildert der Mittelfeldspieler seine Sicht der Dinge, gewährt einen Einblick in die Vorgänge und verrät, was er mit dem heutigen Wissen anders machen würde.

Herr Piossek, wie waren die ersten Tage beim SV Meppen?
Marcus Piossek: „Gut! Es ging vergangenen Donnerstag ja alles sehr schnell und überraschend. Ich habe nicht mehr damit gerechnet, noch zu wechseln und erst dreimal mit der Mannschaft trainiert. Die ersten Einheiten geben mir aber ein gutes Gefühl, ein Gefühl, wieder gebraucht zu werden und gewollt zu sein. Zudem war es ein tolles Erlebnis, auch wenn ich noch nicht mitwirken konnte, dieses Wahnsinnsspiel am Samstag vor unglaublicher Kulisse mitzuerleben.“

Während der Wintervorbereitung in Lotte trainierten Sie nur individuell. Warum wurde Ihnen das Training mit der Mannschaft in Lotte verwehrt?
Piossek: „Offensichtlich, weil man mich nicht mehr gewollt hat. Eine plausible Erklärung dafür habe ich bis heute nicht bekommen. Ich habe neulich in einer Zeitung gelesen, dass ich das Tempo, das Lotte spielt, nicht mehr 90 Minuten gehen könne. Persönlich gesagt hat mir das niemand.“

Ich habe relativ schnell gemerkt, dass man sehr unehrlich mit mir umgeht. (über das Trainerteam)

Beginnen wir nochmal etwas weiter vorne: Nach wenigen Wochen unter Matthias Maucksch übernahmen Nils Drube und Sven Hozjak in Lotte als Trainer. Wie haben Sie das Trainerteam in der Anfangsphase erlebt?
Piossek: „Positiv, sie haben oft mit mir kommuniziert. Ich habe aber relativ schnell gemerkt, dass man sehr unehrlich mit mir umgeht – um es wohlwollend zu formulieren.“

Bis zum 8. Spieltag standen Sie regelmäßig in der Startelf der Sportfreunde, was passierte danach?
Piossek: „Ich habe mir einen Muskelfaserriss zugezogen und bin drei Wochen ausgefallen. Die Trainer haben mir auch in dieser Zeit mehrfach gesagt, ich sei fußballerisch der Beste im Kader und nach wie vor einer der besten Spieler in der Liga, sei aber nach meiner langen Verletzung aus der aktuellen und der letzten Saison noch nicht bei 100 Prozent.

Man habe aber einen Plan mit mir. So lange das Trainerteam dort sei, sei ich auch dort und darauf könne ich sie beim Wort nehmen, um meinen auslaufenden Vertrag müsste ich mir keine Sorgen machen. Wie der Plan ausgesehen hat, wurde mir dann später klar.“

Ich bin aus allen Wolken gefallen. (über seine Reaktion auf die Streichung aus dem Kader)

Wie haben die Trainer ihre Entscheidung, Sie nach der Hinrunde ganz aus dem Kader zu streichen, kommuniziert?
Piossek: „Gar nicht! Sie haben mir am 20.12. gesagt, ich solle zu Manfred Wilke (Sportlicher Leiter, Anm. d. Red.) gehen, er wolle mit mir sprechen. Er teilte mir mit, ich sei für die restlichen beiden Tage vor der Winterpause freigestellt, die Trainer wollen sich voll auf das letzte Spiel konzentrieren. Ich bin aus allen Wolken gefallen.

Ich bin sofort nach Hause gefahren und habe nicht mehr auf ein Gespräch mit den Trainern gewartet. Mir wurde gesagt, dass im Januar alles ganz normal weitergeht, bis ich am Neujahrsabend per SMS darüber informiert wurde, dass ich am 2.1. nicht zum Trainingsstart kommen soll. Für mich sei Trainingsbeginn am 10.01.“

Wie lief in dieser Zeit der Kontakt zu den Mannschaftskollegen?
Piossek: „Es wurde eine WhatsApp-Gruppe der Mannschaft ohne mich eröffnet, weil ich als Vizekapitän und Mitglied des Mannschaftsrates Administrator der alten Gruppe war und nicht entfernt werden konnte. So bin ich komplett vom Informationsfluss abgeschnitten worden, auch wenn ich natürlich nach wie vor mit dem ein oder anderen Spieler in Kontakt stand.“

Das sollte mich mürbe machen. (über sein Sondertraining)

Wie sah das Sondertraining aus?
Piossek: „Es wurde genau darauf geachtet, dass ich mich nur dann am Trainingsgelände aufhalte, wenn die Mannschaft nicht dort ist. Ansonsten bin ich viel gelaufen, teilweise im Wechsel 13 Kilometer und am nächsten Tag 8×1000 Meter, die ich übrigens unter 3:50 Minuten gelaufen bin. Soviel zum Vorwurf hinter vorgehaltener Hand, ich sei nicht fit.

Das hatte natürlich nichts mit Mannschaftstraining zu tun und aus meiner Sicht das Ziel, mich mürbe zu machen. Geleitet wurden die Einheiten vom Athletiktrainer, eine Vor- und Nachbehandlung war nur sporadisch möglich, weil unsere Physiotherapeutin nicht durchgängig vor Ort war.“ 

Marcus Piossek im Dress der Sportfreunde.

Mit 229 Einsätzen gehört Marcus Piossek zu den erfahrensten Spielern in der 3. Liga. ©Imago/osnapix

Sie haben sich schließlich mit juristischen Mitteln gegen diesen Umgang gewehrt. Warum war kein anderer Weg mehr möglich?
Piossek: „Ich habe wochenlang versucht, diesem Schritt aus dem Wege zu gehen. Aber ich finde, dass man einen Menschen so nicht behandeln kann. Alle Vorwürfe, z.B. ich sei zu dick, ich sei nicht fit oder schlecht für die Mannschaft, waren konstruiert und an den Haaren herbeigezogen. Ich kann das faktisch widerlegen, möchte da aber niemanden mit reinziehen.

Es war eine Sache zwischen mir und dem Verein. Ich wollte einfach nur mit der Mannschaft trainieren und mich anbieten. Ich hätte jede sportliche Entscheidung, ob ich spiele oder nicht, akzeptiert, so wie ich es in den Wochen und Monaten zuvor auch getan habe. Bis zur Freistellung hat jedoch niemand etwas Negatives zu mir gesagt.

Zwei Tage vor dem Gerichtstermin wurde mir von den Trainern noch gesagt, ich habe mein Programm gut abgearbeitet und man plane, mich ab der kommenden Woche wieder einzugliedern. Einen Tag später hat Herr Wilke meinem Berater bestätigt, dass die Trainer mich auf keinen Fall mehr wollen, weder im Training noch sonst wo. Mir wurde, ich kann es nicht anders formulieren, einmal mehr ins Gesicht gelogen.“

Er war der Einzige, mit dem ich noch normal reden konnte. (über den sportlichen Leiter Manfred Wilke)

Was sagte die Vereinsführung zu Ihrem Fall?
Piossek: „Mein Gefühl war, dass Herr Wilke diese Situation so nicht gewollt hat. Er war auch der Einzige, mit dem ich noch normal reden konnte.“

Wie lief das Verfahren vor dem Arbeitsgericht ab?
Piossek: „Es ging relativ schnell. Der Antrag war dem Gericht ja bekannt, dazu wird dann jede Partei gehört. Wir mussten aber gar nicht viel von dem vortragen, was wir hätten vortragen können. Dafür war die Sache zu eindeutig. Hätte ich in den letzten Stunden nicht noch den Verein gewechselt, würde ich in Lotte jetzt wieder trainieren wie jeder andere auch – und ich hätte auch wieder Zugang zu allen mannschaftsinternen Informationen, wie z.B. der WhatsApp-Gruppe der Mannschaft.“

Ich habe dem Trainerteam zu lange vertraut. (was er im Rückblick anders machen würde)

Wie begründete das Gericht seine Entscheidung?
Piossek: „Damit, dass der Verein sich mir gegenüber vertragswidrig verhalten hat.“

Rückblickend: Was hätten Sie im Nachhinein anders machen wollen?
Piossek: „Ich kann in den Spiegel schauen, ich habe mich korrekt verhalten. Ich habe sicher in meiner Laufbahn Fehler gemacht, die mich eine höherklassige Karriere gekostet haben. Ich bin auch mal sanktioniert worden, was ich dann immer akzeptiert habe, weil ich wusste, dass ich an der ein oder anderen Stelle über das Ziel hinausgeschossen bin.

Das war hier aber nicht der Fall, ich habe mir nichts zu Schulden kommen lassen. Wo ich früher vielleicht zu schnell meinen Mund aufgemacht habe, habe ich es hier zu spät getan, weil ich nicht mehr anecken wollte und aus der Vergangenheit gelernt habe. Ich habe dem Trainerteam zu lange vertraut und mich ruhig verhalten, auch wenn ich gemerkt habe, dass man nicht ehrlich mit mir umgeht.

Und um das abschließend nochmal klarzustellen: Mir geht es nicht darum, dass man sportlich andere Pläne hatte, das kommt in dem Geschäft vor und das hätte man mir sagen können. Mir geht es um die Art und Weise, mit der man versucht hat, mich loszuwerden und mürbe zu machen.“

Herr Piossek, vielen Dank für das Gespräch!

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