SV Meppen: Frings und die Suche nach Lösungen

Heimschwäche nicht nur Produkt der neuen Trainer-Ära

Autor: Luis Hagen Veröffentlicht: Samstag, 17.10.2020 | 16:55
Torsten Frings beim Spiel in Unterhaching.

Vier Spiele, drei Punkte: Der Saisonstart des SV Meppen unter Torsten Frings ist durchwachsen. ©imago images/Sven Simon

„Warum der SV Meppen 40 Tore aufholen muss“, titelte die ortsansässige Neue Osnabrücker Zeitung jetzt im Vorfeld des Heimspiels am Sonntag gegen Viktoria Köln. Torsten Frings selbst hat nun zum ersten Male die Vorlage dafür geliefert, auf einen Vergleich mit der Vergangenheit einzugehen.

Denn die Unrundungen, Versäumnisse und Defizite des aktuellen Offensivspiels haben nicht den Start in die neue Spielzeit der 3. Liga realisieren lassen, der sich mit den Ansprüchen eines hochdekorierten, ehemaligen Nationalspielers so ohne weiteres deckeln ließe.

Zwei Hauptdarsteller sind weg

„Wer mich kennt, weiß, dass ich für Offensiv-Fußball stehe“, war schließlich vom ersten Tag an sein Versprechen an den SV Meppen. Auch in neuer Funktion als Fußball-Regisseur in der 3. Liga, in der er zuvor noch nicht gearbeitet hat, ist ein Mann wie Torsten Frings auf Erfolg programmiert.

Doch nach drei Niederlagen und nur einem Sieg in vier Saison-Auftritten und vor dem gefährlichen Kräftemessen mit den in der Fremde unbesiegten Kölnern schien Frings nun sein Bedürfnis nicht mehr zurückhalten zu können: Hier und jetzt einmal – vorsorglich und nachhaltig zugleich – daran erinnern zu wollen, dass die vor seiner Zeit vielzitierte und umjubelte „Emsland-Power“ in hohem Maße mit zwei Hauptdarstellern zu tun hatte, die nun woanders Fußball spielen.

über die Abgänge von Undav & Kleinsorge
„ Das sind unglaublich viele Tore, die uns jetzt fehlen. ”
SVM-Coach Torsten Frings

„Deniz Undav hatte 30 Torbeteiligungen, Kleinsorge hatte sechs Tore und sieben Vorlagen. Das sind unglaublich viele Tore, die uns jetzt fehlen“, zählt Frings in diesem Kontext auf und manche Zuhörer fragen sich: Was will Torsten Frings uns damit sagen? Glaubt er, sich verteidigen zu müssen? Bereits jetzt nach vier Spieltagen.

So fällt uns die Metapher vom Pfeifen im Walde ein. Wer im Wald zu pfeifen beginnt, will von Gefahren ablenken. Will in einer unbehaglichen Situation nicht in einen Angstzustand geraten. Fürchtet Frings, die Probleme, die eigentlich allein bei der Heimniederlage gegen den Aufsteiger SC Verl alarmierend zu Tage traten, zeitnah nicht lösen zu können?

„Wir müssen wegkommen vom letzten Jahr“, sagt Frings weiter und begründet seine Forderung mit den offensiven Möglichkeiten, die sein Vorgänger Christian Neidhart zur Verfügung hatte. Denn Frings hat sie nicht mehr, diese Qualitäten.

Deniz Undav jubelt gegen Münster.

Brüssel statt Meppen: Ihren Top-Torjäger mussten die Emsländer im Sommer ziehen lassen. ©imago images/Werner Scholz

In der Tat verwandelte namentlich Deniz Undav mit seinen ganz besonders ausgeprägten balltechnischen Fertigkeiten, mit seiner Raffinesse und seinem grenzenlosen Selbstwertgefühl die Stadion-Tribünen oftmals in Tanzflächen, wenn er mal wieder eines jener Tore erzielen konnte, die das Prädikat tragen, verrückt und einmalig zu sein.

Traumtor zum Abschied

Stellvertretend für viele Kunststücke steht Undavs letzter Treffer im Trikot des SV Meppen: Sein Abschiedsgeschenk war ein Präzisions-Flugball aus rund 50 Metern, also noch vor der Mittellinie auf den Luftweg gebracht, zum Führungstreffer beim 3:0 gegen Unterhaching. Typisch Undav eben.

„Egal, wo sich Deniz gerade auf dem Spielfeld aufhält: Er weiß immer punktgenau, wo das Tor des Gegners steht“, hat Frings-Vorgänger Christian Neidhart im Gespräch mit Liga-Drei.de einmal berichtet. Neidhart ist in Meppen nach sieben Jahren von Bord gegangen. In der Welt des Fußballs ist dies eine ungewöhnlich lange Zeitspanne.

Fast alles was der SV Meppen in all den Jahren ausgemacht hat, war Neidharts Geistes Werk: Nordmeister 2017, danach in der 3. Liga siebter, dreizehnter und in diesem Sommer wieder siebter. Besser geht’s eben nicht in Meppen, dachte sich vielleicht der Mann, der es wohl am besten wissen musste. Bei Rot-Weiß Essen soll er nun auch dort endlich die 3. Liga realisieren.

Was freilich bisher nicht angesprochen worden ist und wohl mit Hilfe der verlässlich komfortablen Tabellenplätze, die der SV Meppen stets behaupten konnte, wie mit einem Mantel der Verschwiegenheit im Verborgenen gehalten wird, ist eine zweite Meppener Fußball-Wahrheit: Die Schwierigkeiten in den Heimspiel-Auftritten, sofern sie anhalten würden, wären keineswegs ein Produkt der noch frischen Torsten-Frings-Ära. Ständige Beobachter, Begleiter und Teilnehmer des Emsland-Fußballs haben im Fußballjahr 2020 so manche Enttäuschung in ihren Erinnerungen gespeichert.

Kampf gegen gefährlichen Trend

Das Sonntag-Match gegen Viktoria Köln ist spielzeit-übergreifend das 13. Heimspiel dieses Jahres. Nicht allein die beiden aktuellen Frings-Auftritte gegen 1860 München und den SC Verl gerieten zum Flop. Auch von den zehn Heimspielen der vorigen Saison konnte der SV Meppen nur drei gewinnen. Ohne Fan-Support nach der Corona-Pause trübten Niederlagen die eigentlich so störungsfreie Stimmung beträchtlich: So das 0:3 gegen Hansa Rostock, 0:2 gegen Ingolstadt oder das 2:3 gegen den Halleschen FC.

Gesprochen wird darüber bisher nur hinter vorgehaltener Hand. Denn dieser Trend gilt als wenig Mut machend und ist voller Fragezeichen.

Als Reise-Tross ist es für den SV Meppen freilich viel besser gelaufen: Für Torsten Frings mit dem 2:0-Sieg vor drei Wochen bei den Uerdingern. Und zuvor im Juni der alten Saison auch beim 3:1-Erfolg in Köln-Höhenberg bei Viktoria. Nun, vielleicht sind diese Erinnerungen am Sonntag ein wenig hilfreich, um dem der heimlichen Heimschwäche erfolgreich zu trotzen.

Alles braucht seine Zeit

Und übrigens sollten sie alle beim SV Meppen auch dies erfahren: Deniz Undav, die von Frings vermisste Torfabrik, ist für seinen neuen Klubs am Stadtrand Brüssels in der zweiten Liga Belgiens bisher fünfmal zum Einsatz gekommen. Mit zwei Siegen, zwei Remis und einer Niederlage gilt der Start dort aus Sicht des Klubs als gelungen. Doch Tore von Deniz Undav? Fehlanzeige. Assists wenigstens? Ebenfalls nein.

Somit stehen auch hier zwei fundamentale Erkenntnisse des Lebens Pate: Nichts ist für die Ewigkeit. Und: Alles braucht seine Zeit. Und dies gilt in der Welt des Fußballs für alle Himmelsstürmer gleichermaßen: Für der jungen Wilden ebenso wie für die Reiferen aus der Generation der Ex-Nationalspieler.