Thilo Leugers zwischen Champions League und Emsland

Der Kapitän des SVM über seine bewegte Karriere

Autor: Luis Hagen Veröffentlicht: Sonntag, 08.12.2019 | 08:00

Thilo Leugers jubelt nach seinem Treffer gegen Großaspach.

Holland, Spanien, Emsland: Thilo Leugers (m.) hat in seiner Karriere bereits einiges erlebt. ©imago images/Werner Scholz

In seiner dritten Spielzeit ist der SV Meppen auf dem besten Wege, in der 3. Liga jene Rolle zu verkörpern, die der SC Freiburg in der Bundesliga längst verlässlich zu interpretieren pflegt. Auch in Meppen ist ein Underdog des Fußballs in einer Randregion erfolgreich, weil er seine Kraft aus der verschworenen Gemeinschaft seiner Fußballer und aus der Begeisterungsfähigkeit seiner Anhängerschaft gewinnt.

Über die neue Stabilität des Meppener Fußballs sowie über eine besonders bunte persönliche Karriere hat Liga-Drei.de mit Thilo Leugers gesprochen, dem Kapitän des SV Meppen.

Herr Leugers, die Mannschaft hat lange auf die Rückkehr ihres Kapitäns warten müssen. Was war los?
Thilo Leugers: "Ja, meine Hacke hat einigen Stress gemacht. Zwei operative Eingriffe waren notwendig, ehe die Entzündung erfolgreich bekämpft war. Jetzt ist wieder alles okay und ich bin endlich wieder an Bord. Wurde auch höchste Zeit, denn das erste Dutzend dieser Runde habe ich verpasst."

Der SV Meppen wirkt stabil und erzielt Ergebnisse, die Respekt verbreiten. Kennt die Entwicklung des SV Meppen keinen Stillstand?
Leugers: "Wir sind einfach eine tolle Truppe. Wir ziehen unsere Kraft aus unserer rundum intakten Gemeinschaft, aus unserem immer noch bewusst gepflegten Status des Underdogs. Und zu guter Letzt profitieren wir von diesem Hunger der Menschen nach Profifußball hier bei uns im Emsland. Da kommt so viel Power und Freude zu uns auf das Spielfeld herunter, so dass niemand auf die Idee kommt, stehenzubleiben und sich auszuruhen."

„ Eine so überzeugende Konstante wünscht sich jedes Team. ”
über SVM-Trainer Christian Neidhart

Und wer es täte, bekäme bestimmt ruckzuck Ärger mit Christian Neidhart...
Leugers: "Allemal. Unser Trainer sieht alles. Eine so überzeugende Konstante wünscht sich jedes Team, denn an einer solchen Person kann sich eine Mannschaft – und dies tun wir – jederzeit orientieren und festhalten, wenn es nötig ist.

Uns tut aber auch besonders gut, dass er bereit ist, im richtigen Moment die Leinen loszulassen, uns zu vertrauen und so manch eigene Entscheidung treffen zu lassen. Eigenverantwortung zu übernehmen, hat noch keinem Spieler geschadet."

Die zuletzt in der Fremde erzielten Ergebnisse des SV Meppen stehen für starke Endspurtqualitäten. Hat der SV Meppen mehr drauf als die anderen?
Leugers: "Wir haben gelernt, uns bis zum allerletzten Pfiff des Schiedsrichters restlos zu verausgaben und daran zu glauben, bis zuletzt noch punkten zu können. Der jüngste Verlauf in Ingolstadt ist der Hammer: Wir haben geschuftet, uns Chance für Chance erarbeitet und uns mit diesem Nachspielzeit-Treffer zum 1:1 belohnt. Dieses Erlebnis ist genauso schön wie unser 5:3-Triumph über die Bayern."

„ Ich war beim Kinder-Casting erfolgreich. ”
über seinen Wechsel zu Twente Enschede

Ihre Karriere ist bunt. Vor allem orange. Wie ist dieser Sprung in diesen schon immer sehr anerkannten holländischen Ausbildungsfußball entstanden?
Leugers: "Heute würde man sagen: Ich war beim Kinder-Casting erfolgreich. Damals gab es Sichtungsturniere im Emsland und die Leute von Twente Enschede haben mich gesehen und entschieden: Den Jungen wollen wir. Doch erst ein Jahr später haben meine Eltern ja gesagt."

Somit komplett nach Enschede gezogen? Ins Internat des Klubs?
Leugers: "Nein, ich war erst elf Jahre alt und wir haben uns fürs Pendeln entschieden, also den Fahrdienst des Vereins genutzt. Somit blieb alles wie gewohnt: Konnte bei den Eltern bleiben, brauchte keinen Schulwechsel, behielt meinen Freundeskreis und hatte eine fußballerische Ausbildung, wie ich sie bei uns im Norden mit viel Glück allenfalls bei Werder Bremen erhalten hätte."

Thilo Leugers (r.) behakt Bremens Aaron Hunt.

Champions-League-Debüt: Thilo Leugers (r.) und Twente schlugen 2010 Werder Bremen um Aaron Hunt mit 2:0. ©imago images/Sven Simon

Apropos Werder: Sie wurden sogar so gut ausgebildet im holländischen Fußball, dass Sie den Sprung ins Erstligateam von Twente Enschede schafften und sogar in den ganz großen internationalen Fußball hineinschnupperten. Was bedeuten Ihnen heute diese Champions-League-Spiele im San Siro von Inter Mailand und im Bremer Weserstadion gegen Werder?
Leugers: "Die Erinnerungen daran sind so intensiv, so überwältigend und so prägend, dass sie immer noch präsent sind als sei das erst vor einigen Monaten geschehen. Meine komplette Familie, Freunde und Wegbegleiter – alle sind nach Bremen gekommen, um mich an diesem Abend zu unterstützen. Ich habe damals profitiert, dass ich Linksbeiner bin und die waren auch schon damals rar. Auch im holländischen Fußball."

„ Am Ende tauschte ich stolz mit Per Mertesacker das Trikot ”
über sein Champions-League-Debüt

Mit großem Erfolg: Sie siegten mit Twente 2:0 im Weserstadion…
Leugers: "… und mein Gegenspieler Bargfrede wurde nach einer Stunde ausgewechselt. Dann kam Arnautović und es wurde unruhiger in meinem Aktionsfeld auf der linken Seite. Doch auch gegen ihn es ging alles gut und am Ende tauschte ich stolz mit Per Mertesacker das Trikot. Es war unglaublich schön. Und dann kam ja auch noch Inter."

Wie war das?
Leugers: "Da musste ich mich tatsächlich einige Male kneifen. Ich war 19 und der Preud’Homme, der frühere belgische Nationaltorwart war damals Trainer in Twente, sagte: 'Auf geht’s, Thilo, auch das schaffst Du!'.

Diese Nominierung im San Siro war das Kräftemessen mit Weltstars wie Lucio, der in Leverkusen und bei den Bayern war, mit Wesley Sneijder, mit Eto’o und wem nicht alles. Inters Trainer war der große Benítez, der später Chelsea und Real gemacht hat. Und wir haben großartig mitgehalten und hätten nicht einmal 0:1 verlieren müssen."

„ Da trieb mich tatsächlich die Abenteuerlust ”
über seinen Wechsel nach Spanien

Und das Jahr in Spanien? Eine Art Robinsonade?
Leugers: "Ja, da trieb mich tatsächlich die Abenteuerlust. Die Chance, ein schönes Leben auf Mallorca mit dem Fußball zu verknüpfen. Das war eine wertvolle Lebenserfahrung, doch die sportlichen Ziele ließen sich mit Atletico Baleares nicht realisieren. Dieses hochtechnische Fußballspiel mal mitzumachen, war sehr spannend. Doch noch ein Jahr wollte ich nicht in Spanien dritte Liga spielen."

Als Sie 2016 zum SV Meppen kamen, spielte der noch in der Regionalliga Nord und niemand konnte ahnen, welch eine großartige Entwicklung Sie dort miterleben würden. Haben Sie Hellseherpotenziale?
Leugers: "Nach dem Fußballabenteuer in Spanien kam ich gern wieder nach Hause, um endlich auch hier in der vertrauten Umgebung Fußball zu spielen. Beim SV Meppen war man sich damals keineswegs sicher, ob der Fulltime-Fußball zu realisieren ist. Doch ich habe das trotzdem gemacht, weil ich meine Ausbildung und mein Studium der Sozialpädagogik forcieren wollte und konnte."

„ Das Publikum mitnehmen und vorne eiskalt bleiben ”
über den SVM-Matchplan gegen Münster

Und dann war es tatsächlich genau das richtige Timing für den Sprung in den Profifußball hierzulande. Genau wie in Holland waren Sie im richtigen Moment am richtigen Platz. Sie haben also zumindest eine Nase für gute Entscheidungen?
Leugers: "Ganz offensichtlich. Die sportliche Erfolgswelle hat den Fußball nun weiterhin als Nr.1 in meinem Leben erhalten, doch so wie es verlaufen ist, genieße ich jedes Training und jedes Match, als wäre es mein Letztes. Parallel betreibe ich mein Praxisstudium im elterlichen Unternehmen. Wir sind innerhalb von Sozialdienstleistungen spezialisiert auf Familienhilfe. Auch darin gehe ich auf."

Am Montagabend kommt es zum Derby gegen Preußen Münster. Wie geht der SV Meppen damit um, eine Favoritenrolle nun nicht mehr abweisen zu können?
Leugers: "Einfach spielen, Freude haben, das Publikum mitnehmen und vorne eiskalt bleiben. Dann schaffen wir das."

Vielen Dank für das Gespräch, Thilo Leugers.

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